STAR TREK COMPANION
return to the edge of the final frontier

Relaunch / Titan / Blühende Landschaften inmitten der Sterne.

Dieser Artikel ist erschienen in der deutschen Übersetzung des Romans Orion's Hounds (Die Hunde des Orion), Cross Cult 2009.

 

Skurrile Amöben, leuchtende Quallen, intelligente Wolken aus fremder Materie, Tentakelwesen groß wie Raumschiffe. In den unermesslichen Tiefen eines Ozeans vorstellbar, aber mitten im freien All? Dabei haben wir sie in diversen Star Trek-Folgen öfter gesehen, als wir glauben. In alter Tradition aus der Originalserie überliefert, wurden sie über die Jahrzehnte sorgsam weiter gereicht an Next Generation und Voyager. Und dennoch schenkte man ihnen bislang keine sonderliche Aufmerksamkeit. Denn nie hat sich jemand die Mühe gemacht, den springenden Punkt ihres regelmäßigen Erscheinens zu thematisieren. Erst Die Hunde des Orion wagt den entscheidenden Vorstoß – und bringt Licht ins Dunkel eines ungelüfteten Phänomens Star Trek-Geschichte.

 

Ein Teich voller Leben

Auf seiner privaten Internetseite beteuert Christopher L. Bennett, selbst nicht Vater des Gedankens gewesen zu sein. Vielmehr sei ihm der Begriff „Cosmozoan“ schlicht über den Weg gelaufen. „Cosmozoan“, das stammt aus der englischsprachigen Mikrobiologie und beschreibt einer mutigen Theorie nach, das Leben auf unserem Planeten könnte sich ursprünglich irgendwo anders im All entwickelt und sozusagen überliefert haben. Möglicherweise auf einem Asteroiden, der vor geraumer Zeit in jene leblose Welt einschlug, welche später von ihren Bewohnern Erde genannt wurde.

Dem gnadenlosen Vakuum ausgeliefert, bedürfte es jedoch außergewöhnlich resistenter Bakterien, die selbst auf einem atmosphärenlosen Himmelskörper überlebensfähig sind. Für Autor Bennett war das eine verlockende Vorstellung. Als er Die Hunde des Orion schrieb, löste er die „Cosmozoan“-Theorie aus ihrem Originalverständnis – und ging in die Vollen: „Was nämlich, wenn es nicht nur Bakterien und Mikroben sind, die dort draußen existieren, sondern ein ganzer Teich von hoch intelligenten und sehr sensiblen Entitäten?“, stellt er bedeutungsvoll in den Raum.

 

Fischen in Canon

Er hat Glück. Seine kreative Frage fällt bei Star Trek auf fruchtbaren Boden – oder besser gesagt: mitten in den Canon. Jedem von uns sind die Bilder irgendwie in Erinnerung geblieben. Wie Kirks Enterprise auf einen riesigen, einzelligen Organismus stößt, der ihr beinahe zum Verhängnis wird. Wie ein Jahrhundert später Picard und Kohorten dem Äquivalent einer intergalaktischen Seekuh Geburtshilfe leisten und im Nachhinein vor dem faustdicken Problem stehen, Junior entwöhnen zu müssen. Wie die Voyager in einem Nebel ihre Energiereserven aufzufrischen gedenkt, schon bald aber festzustellen hat, dass mehr dahinter steckt als eine harmlose Dunstschwade. Die Liste könnte noch lange fortgesetzt werden.

Es besteht kein Zweifel: Schon längst – wenn nicht sogar von Anfang an – gehören Weltraumlebensformen zum Star Trek-Portfoilio. Sie sind Teil des angenehm befremdenden Wunders, das man sich von den unerforschten Weiten des Kosmos erhofft. Doch waren diese Entitäten bislang immer nur Stoff für Einzelfolgen. Danach hatten sie ihren Zweck erfüllt: Am Ende des Tages wurden sie als empfindsame Wesen erkannt, sie wurden entweder befreit, konnten weiterziehen, oder angerichteter Schaden wurde von der jeweiligen Sternenflottencrew behoben. Föderation und Menschheit hatten wieder etwas dazu gelernt.

 

Das Puzzle ergibt ein Bild

Nur eines hatten sie nicht gelernt: Was sind eigentlich die Hintergründe dieser Kreaturen, die über meist zufällige Begegnungen entdeckt wurden? Gibt es gar eine Gemeinsamkeit zwischen der besagten Amöbe, der Seekuh und dem Nebel? Was, wenn dem so wäre; wenn jene Entitäten einen gemeinsamen Ursprung besäßen? Dies ist das Substrat, von dem Die Hunde des Orion zehrt und was es unter Gesichtspunkten der Exploration zum bislang viel versprechendsten Roman der Titan-Serie macht. Es ist auch im besten Sinne zeitgemäßer Star Trek-Literatur, einen neuen Blick auf seinen Gegenstand herzustellen.

Und tatsächlich: Da fügen sich die vielen, verstreuten Puzzleteile aus den TV-Serien plötzlich zusammen – und ergeben ein schlüssiges Bild. Wer hätte es geglaubt: Es gibt eine ganze Zivilisation von interstellaren Entitäten. Wie Giganten wandeln sie zwischen den Sternen, zahlreich und zeitlos, ohne eine schützende Hülle, einen Druckanzug oder eine Sauerstofflasche. Bennett taufte sie allegorisch auf „Cosmozoans“. Seien es die Farpoint-Lebensformen aus dem TNG-Pilotfilm oder das rätselhafte Geschöpf namens Gomtuu, sei es der Voyager-Holodeckspuk Grendel oder jene Geschöpfe, die plötzlich Kes’ Elogium auslösen - sie alle teilen eine Geschichte.

 

Das All als Lebensgemeinschaft

Bei dieser Erkenntnis bleibt das Buch indes nicht stehen. Ohne die Handlung vorwegnehmen zu wollen, wird sie den Leser doch an einen Punkt führen, an dem er erkennt, dass die Existenz solcher Geschöpfe bloß der Fingerzeig auf eine viel größere Wahrheit ist: auf das Ökosystem Weltraum. Die „Cosmozoans“ bilden eine Art Enzym in diesem System, um eine Anleihe beim menschlichen Körper zu machen.

Das besagte System ist uns – gerade aus der Star Trek-Literatur – auch nicht ganz fremd. Es ist die vulkanische These vom galaktischen Naturzustand, auf die Bennett hier indirekt anspielt. Was hat es damit auf sich? Es wird davon ausgegangen, dass es nicht nur einen ständigen Austausch von planetaren Bakterien und Viren im All gibt, sondern dass diese auch einen gemeinsamen Ursprung besitzen. Den „Cosmozoans“ kommt in diesem Zusammenhang eine wichtige Funktion zu: Wie die Biene, die von Blume zu Blume fliegt und dabei bestäubt, tragen sie im Laufe ihres Lebens die Saat auf verschiedene Planeten. Und jeder Planet wiederum ist ein Glied in einer Lebenskette inmitten eines unermesslichen Gesamtorganismus, für den Geburt und Tod von Sternen nur kurze Augenblicke sind.

Gemäß dem vulkanischen Ökologietheorem kommt eine Einmischung in den galaktischen Naturzustand durch Ressourcenraubbau, Terraforming und hohe Warpgeschwindigkeiten, die Löcher in den Subraum reißen, einer schockartige Einmischung gleich, einem ökologischen Verbrechen. Wortführer der Ökologiethese, die so genanten Symmetriker, führen zu Felde, dass die Galaxis sich keineswegs von einem Lebewesen unterscheide. Wenn die Föderation also die Helligkeit des Rechts eines Individuums akzeptiere, müsse sie auch die Helligkeit allen Lebens akzeptieren, einschließlich das der Galaxis selbst.

Das bedeute nicht nur die Nicht-Einmischung im schonenden Sinne. Auch, wenn das All Darbietungen des Fressen-und-Gefressen-Werdens vollführe, dürfe keine noch so gut meinende Ethik angelegt werden. Eigentlich hat die Sternenflotte dafür ja bereits die Oberste Direktive ins Leben gerufen, hatte sie doch selbst ihre verhängnisvollen Erfahrungen. Dieser Kodex findet seine Anwendung bislang jedoch nur sehr stark bei Gesellschaften unterhalb der Warpschwelle. Sie auf die galaktische Ökologie anzuwenden – und diese Ökologie überhaupt als solche anzuerkennen – kostet Kräfte, die Captain Riker und die Crew der Titan in Die Hunde des Orion erst noch berappen müssen.