STAR TREK COMPANION
return to the edge of the final frontier

Relaunch / Deep Space Nine

Twilight

Autor: David R. George III
Erscheinungsjahr: 2002
Seitenzahl: 500
Band: 8.05

Vorbemerkung

Twilight knüpft nahtlos an die Geschichte Demons of Air and Darkness/Horn and Ivory an und bildet den Auftakt der vier Bände umfassenden Mission Gamma-Reihe. Letztere führt den DS9-Relaunch im Zusammenhang mit der ersten Tiefenraummission im Gamma-Quadranten fort.

 

Inhalt

Seit dem Ende des Dominion-Kriegs hat die Raumstation Deep Space Nine einen nicht unerheblichen Rollenwechsel vollzogen: Vom Knotenpunkt des größten bewaffneten Konflikts aller Zeiten ist sie zum Koordinierungszentrum für den Wiederaufbau ganzer verwüsteter Stellgargrade im Alpha-Quadranten geworden, darunter die cardassianische Heimatwelt. Trotz dieser Veränderungen, welche die Nachkriegsordnung der Sternenbasis am Wurmloch verordnete, ist ihr weiteres Dasein eines ganz sicher nicht: langweilig.

In den vergangenen sechs Monaten, seitdem Kira Nerys infolge von Siskos Aufnahme in den Himmlischen Tempel der Propheten das Kommando von DS9 übernahm, erlebten sie und ihre Mannschaft ein politreligiöses Erdbeben auf Bajor, welches sich um den mysteriösen Ohalu-Text bildete, einen folgenschweren Angriff Jem’Hadar-Abtrünniger, ein im wahrsten Wortsinn übermenschliches Badlandsabenteuer sowie eine mit einer humanitären Katastrophe verknüpfte Gateway-Krise.

Obgleich die alltäglichen Herausforderungen weitergehen, soll nun der Weg endlich frei sein, um einen alten, seit dem Start des Quadros-1-Sonde gehegten Traum der Sternenflotte zu verwirklichen: die Erforschung des Gamma-Quadranten. Einst von Benjamin Sisko entdeckt, konnte der Raum jenseits des Wurmlochs nur äußerst zaghaft ausgekundschaftet werden, ehe das Dominion auftauchte und bald schon einen beispiellosen Krieg im Alpha-Quadranten entfachte.

Es spricht eine gewisse Ironie aus dem Umstand, dass mit der nun vollständig umgerüsteten U.S.S. Defiant ein ehemaliges Kriegsschiff diese mehrmonatige Forschungsmission antreten wird, die aus diplomatischen Gründen das Territorium des Dominion weitläufig aussparen wird. Nicht minder ironisch ist die Wahl ihres Kommandanten: Elias Vaughn, in seiner hundertjährigen Biographie geprägt und verfolgt von Krieg und soldatischen Pflichten, sieht so etwas wie eine letztendliche Erlösung von seiner alten Bürde, indem er nun einen friedlichen Wagenzug zu den Sternen anführen darf, um nichts anderes zu tun als dem Unbekannten Geheimnisse zu entlocken.

Während die Defiant sich auf Einladung Odos hin aufmacht zu neuen Welten und als erstes Föderationsschiff seit langem in die Anomalie eintaucht, bleiben Kira und einige ihrer Offiziere zurück, um die Vorbereitungen für eine wichtige Konferenz zu treffen, die nachhaltige Auswirkungen für Bajors Zukunft zeitigen könnte. Die Ankunft von Admiral Leonard James Akaar – einem nicht ganz einfachen und ihr persönlich zunächst misstrauenden Mann aus den hohen Reihen des Oberkommandos – bildet den Auftakt für die Wiederaufnahme intensiver Gespräche über eine baldige Mitgliedschaft Bajors in der Föderation.

Hierbei muss Kira nicht nur einen reibungslosen Ablauf für die bevorstehenden Verhandlungen garantieren und den Sorgen und Ängsten ihrer Freunde und Wegbegleiter über die anstehende Zeitenwende entgegentreten. Nach ihrer kürzlichen Exkommunizierung durch die Vedek-Versammlung und vor dem Hintergrund einer bewusstseinsbildenden Reise in die bajoranische Vergangenheit ist sie selbst einem Wechselbad neuer Gefühle zu ihrer Heimatwelt ausgesetzt, die ihre kommenden Entscheidungen beeinflussen werden. Gerade aber zu jenem Zeitpunkt, wo Kira und Bajor mehr denn je getrennte Wege zu gehen scheinen, zwingt die Föderationsperspektive beide wieder auf unvorhergesehene Weise aneinander.

Indes im Gamma-Quadranten angelangt, beginnt nach anfänglicher Aufbruchseuphorie für Vaughn und seine Leute mit einem plötzlichen Angriff auf den Planeten der Vahni-Spezies ein Abenteuer, das sie niemals vorhergesehen hätten. Es führt sie in die entlegensten, trostlosesten Winkel dieses unbekannten Teils der Milchstraße und konfrontiert sie dabei nicht zuletzt mit den Dämonen, die ihren eigenen Seelen innewohnen…

 

Kritik

Bajor hat ein Problem, und zwar kein gerade kleines. Nachdem Kira Nerys in Avatar den Ohalu-Text in das öffentliche KOM-Netzwerk des Planeten aus Prinzip einspeiste und ihn so für jedermann zugänglich machte, vollzog sich in den kommenden Wochen eine immer gravierendere politreligiöse Spaltung der Vedek-Versammlung - ein bis dato einmaliger Vorgang für das seit jeher in seinem Geistesleben geeinte Bajor. Nun lässt der Streit der religiösen Repräsentanten zu Recht Sorgen aufkommen, ob die Bevölkerung nicht mit dem Bazillus eines Schismas infiziert werden könnte, welches seine Kreise bis hin zu einer inneren Zerreißprobe ziehen könnte.

Inmitten dieser heiklen Situation ist der Stuhl des Kai seit dem Tod Winn Adamis nicht nur nach wie vor unbesetzt - obendrein ist aus den Reihen der Vedeks kein Nachfolger in Sicht, dessen Integrationskraft die entstandenen Gräben theologisch und moralisch-praktisch wieder zuschütten könnte. Und als wäre all dem nicht schon genug, ruft Regierungschef Shakaar die Föderation auf den Plan, um den vor dem Dominion-Krieg durch Einwirken Benjamin Siskos zur Ruhe gelegten Antrag auf Mitgliedschaft erneut zu prüfen. Ob das strategisch so klug ist, scheint hier die Frage, achtet die Planetenallianz doch bei potentiellen Aufnahmekandidaten in besonderem Maße auf inneren Frieden.

Ausgerechnet in dem Augenblick also, wo Kira mit dem Aufkreuzen Admiral Akaars und einer Reihe hochkarätiger Föderationsbotschafter inklusive Delegationen auf DS9 jede erdenkliche Hilfe gebrauchen könnte, will ihr Erster Offizier seinen alten Jugendtraum vom friedlichen Forschertum verwirklichen und auf Sternenfahrt gen Gamma-Quadrant ziehen. Bereits der - noch so verheißungsvoll klingende - Klappentext von Twilight lässt befürchten, dass der große Aufbruch zur anderen Seite des Wurmlochs zur Unzeit kommen könnte - oder zumindest mit einem storytechnischen Konstruktionsfehler einhergeht. Und damit ist gar nicht mal die nur schwer nachvollziehbare Logik gemeint, wenige Monate nach dem Dominion-Krieg, da die Geschichte noch qualmt, wieder Schiffe in den Gamma-Quadranten zu schicken.

Gerade jetzt, wo mit der Wiederaufnahme der Beitrittsverhandlungen des Planeten eine der zentralen Fragen der Serie wieder aufgegriffen wird, verabschiedet sich auf der Defiant ein Großteil des DS9-Protagonistenaufgebotes, das rund um diese überaus komplexe Thematik hätte wunderbar und reichhaltig interagieren können. Und tatsächlich bewahrheitet sich nach dem Abflug des ummontierten Kampfschiffes recht schnell, dass es ziemlich einsam rund um Kira und die im Alpha-Quadranten 'Zurückgebliebenen' wird.

Nach dem Willen von Marco Palmieri soll Mission Gamma das Herzstück des DS9-Relaunch bilden, und doch zeugt die Zersplitterung der Gesamthandlung in zwei grundsätzlich parallelisierte Plots von einer planerischen Uninspiriertheit, die wahrsten Wortsinn für 'Zwielicht' sorgt. Wären da nicht die herausragenden schriftstellerischen Leistungen von David R. George III, der, nebenbei bemerkt, mit Twilight ein wahres Marathonwerk aus der Taufe gehoben hat.

Wohl kaum ein anderer Star Trek-Roman vernachlässigt seine globale Handlung so sehr zugunsten seiner Figuren, ohne dabei langweilig zu werden. Weil der Autor fast das ganze Geschehen in seinem Buch den Charakteren unterordnet und ihr Entwicklungspotential zum Maß aller Dinge erklärt, bringt er den DS9-Relaunch nicht bloß um das Verhängnis einer Just-Another-Exploration-Story herum; weitenteils gelingt es George sogar, das Problem der zerrissenen Mannschaft zu übertünchen, zumal seine Zeichnung bereits der Kira-Persönlichkeit extrem ergiebig ist.

Der Alpha-Quadrant-Plot dümpelt hierbei zwar ein wenig vor sich hin - abgesehen von der Eröffnung diplomatischer Kanäle Bajors nach Cardassia und dem nach der Europa Nova-Evakuierung gestiegenen politischen Wert des Planeten, passiert kaum etwas Erhebliches. Nichtsdestoweniger gedeihen die Figuren unter der Feder des erfahrenen Schriftstellers prächtig. Wir dürfen Kiras tiefschürfenden Gesprächen mit dem ominösen Akaar beiwohnen, ihrem nicht minder bewegenden Umgang mit dem Ausschluss aus der bajoranischen Glaubensgemeinschaft und dem Tauwetter im Verhältnis zwischen Quark und Ro (wenngleich man über die Chemie dieses Paars durchaus geteilter Meinung sein darf). Außerdem erfahren die Nebenfiguren Kasidy Yates und Taran'atar weitere Vertiefungen in ihren jeweils neuen Lebenswelten; Abschnitte wie der 'Besuch' des Jem'Hadar im Stationskindergarten sind da unter introspektiven und erzählerischen Gesichtspunkten heimliche Höhepunkte der Geschichte.

Vor allem aber der erste Abschnitt der Defiant-Odyssee im Gamma-Quadranten ist als Abstecher in den Innerkosmos konstruiert. Sei es die zerrüttete Vater-Tochter-Beziehung zwischen Vaughn und Prynn, die auf dem Planeten mit den manifestierten Erinnerungen ihren Höhepunkt erreicht, oder Ezris Wille zur Emanzipation während so manch brenzliger Lage auf der Defiant - Situationen werden so erzeugt, dass sie an die Substanz der Charaktere gehen und die zuweilen finsteren, unerfüllten Teile ihres Selbst in der Geschichte widerspiegeln. Das gilt beispielsweise auch für die sich wandelnde Beziehung von Ezri und Julian oder für den inneren Konflikt, der im Andorianer Shar tobt.

Ohne die schöpferischen sprachlichen und empathischen Fähigkeiten Georges, die meiner Meinung nach unter den gegenwärtigen Star Trek-Schriftstellern ihresgleichen suchen, würde diese Rechnung nicht aufgehen. Die Zeichnung jeder einzelnen Person besitzt eine Tiefenschärfe, die der Mission Gamma eine epische Komponente verleiht und dem Leser zudem das Gefühl, stets mit dem Mikrokosmos der verschiedenen Figuren (selbst jenen aus der zweiten Reihe) verschmolzen zu sein. Obgleich man bemängeln mag, dass der DS9-Relaunch in Teilen zu weit vom eigentlichen Epizentrum seiner genuinen Handlung wegtreibt, ist es die Leistung von George, die den Flair der Serie - selbst in der Ferne des Gamma-Quadranten - in neuem Glanz einzufangen vermag.

 

Fazit

Nach fünf weit überdurchschnittlichen Romanen steht fest: Das Geheimrezept des DS9-Relaunch liegt zunächst in der Engagierung begnandeter Autoren. In diesem Sinne ist Twilight ohne jeden Zweifel ein einzigartiges Buch. Doch liegt dies weniger an der eigentlichen Geschichte, in denen durchaus grundlegende Konstruktionsdefizite stecken, als vielmehr an dem brillanten Erzählstil des Autors, der nahezu alle Figuren anfassbar macht und ihnen in zwischenmenschlichen Dramen eine tiefe, ehrliche Würde verleiht.

Spätestens in den kommenden Romanen muss gerade der DS9-Plot noch ein wenig mehr Fahrt aufnehmen, wobei allerdings abzusehen ist, dass die parallele Existenz von Alpha- und Gamma-Quadrant-Handlungsbogen dem Relaunch langfristig nicht unbedingt zum Vorteil gereichen könnte.

8/10 Punkten.

12-2010