STAR TREK COMPANION
return to the edge of the final frontier

Relaunch / Deep Space Nine

Raise the Dawn

Autor: David R. George III
Erscheinungsjahr: 2012
Seitenzahl: 400
Band: Post-Season-9/Post-Destiny, TNG 1.11

Inhalt

Die gemeinsame Forschungsmission in den Gamma-Quadranten, die ein erster Schritt zum Frieden zwischen Khitomer-Staaten und Typhon-Pakt sein sollte, ist spektakulär gescheitert. Während die idealistische romulanische Prätorin Kamemor und Föderationspräsidentin Bacco, während Diplomaten im Offiziellen nach einem Ölzweig der Versöhnung Ausschau hielten, trieben hinter den Kulissen die Geheimdienste der Pakt-Staaten ihr eigenes Spiel, im verbissenen Bemühen, an den Quanten-Slipstream-Antrieb und neue Waffentechnologien zu gelangen, weil sie in der Föderation eine Bedrohung erblicken. Die Enterprise-Crew realisierte bis zum Ende von Plagues of Night nicht, was in Wirklichkeit vor sich ging: dass die Romulaner auf dem Warbird Eletrix sie nämlich, eigentlich eine verdeckte Operation durchführend, mit einer perfiden Taktik ausgetrickst und ihren Absturz vorgetäuscht haben.

Schließlich kulminierte die Intrige in eine dramatischen Szene am Bajoranischen Wurmloch, die Benjamin Siskos Schiff, die U.S.S. Robinson, während der Rückkehr von einer sechsmonatigen Explorationsmission durch den Gamma-Quadranten hautnah miterlebte: Deep Space Nine, von Schlachtschiffen der Romulaner, Tzenkethi und Breen umzingelt und durch eine Reihe von heimlich an Bord platzierten Bomben letztlich vernichtet. Inklusive des Frachters Xhosa, an deren Bord sich offenbar Kasidy Yates und Siskos Tochter Rebecca befanden.

Nun macht Raise the Dawn dort weiter, wo die Existenz der alten cardassianischen Raumfestung endete. Wir erleben eine erbitterte Raumschlacht im bajoranischen Heimatsystem, bei der die Perspektiven zwischen der Robinson, den DS9-Überlebenden und den Pakt-Verschwörern gewechselt werden. Auf diese Weise stellt sich heraus, dass die Aktivierung der Bomben auf DS9 nur als absolutes Worst-case-Szenario gedacht und als extrem unwahrscheinlich angesehen worden war. Zudem sollten die Bomben die Station außer Gefecht setzen, nicht zerstören. Die Geheimdienst-Paktierer rund um Tomalak und Sela wollten lediglich sicherstellen, dass die vom Dominion entwendete Antriebstechnologie an Bord der Eletrix, die die Erreichung der Slipstream-Fähigkeit für die Typhon-Nationen ermöglicht, sicher zurück nach Romulus gebracht wird.

Das Ziel war kein heißer Krieg mit der Föderation, sondern ein Gleichziehen im Rüstungswettlauf, im kalten Krieg. Doch einiges lief während der Operation schief – die Tarnung der Eletrix flog schließlich auf, die Bomben wurden gezündet –, und nun ist ein offener Krieg zwischen beiden großen Blöcken in der ‚südlichen‘ Galaxis wahrscheinlicher denn je zuvor. Einerseits eine Ironie, andererseits wird klar, dass ein ‚Gleichgewicht des Schreckens‘ nicht zwangsläufig den Frieden sichern muss, sondern auch zu einer düsteren, selbsterfüllenden Prophezeiung werden kann.

Während die Enterprise aus dem Gamma-Quadranten zurückkehrt und Picard und seine Leute sich im Angesicht der pulverisierten Station mit zahlreichen Toten (darunter vor allem Sternenflotten-Offiziere), einer schwer beschädigten Robinson und mehreren Trümmern von Pakt-Kreuzern verwundert und schockiert die Augen reiben, entwickelt die allgemeine politische Lage nun eine verhängnisvolle Eigendynamik. Die Föderation hat das Gefühl, in ihrem Vertrauen dramatisch missbraucht worden zu sein. Und auch im Pakt beginnen die inneren Zersetzungserscheinungen, womit ein Schwund von Kontrolle für politische Oberhäupter wie Prätorin Kamemor einhergeht. Längst ist sie ins Hintertreffen gelangt und umzingelt von Feinden im eigenen Haus. Alles, wofür sie eingetreten ist, scheint bereits verloren zu sein. Zum Glück gibt es auf der Erde eine taffe Präsidentin, die im Laufe der letzten Jahre und im Angesicht zahlreicher sicherer Apokalypsen gelernt hat, nicht sofort die Nerven zu verlieren. Und auch Kamemor hat noch das eine oder andere Ass im Ärmel.

Indes werden Picard und Sisko mit ihren Mannschaften betraut, die Intrige des Paktes aufzuarbeiten. Der Enterprise fiel der einzige Überlebende der zerstörten Pakt-Flottille, der ehemalige romulanische Prokonsul Tomalak, in die Hände, und Picard ist bemüht, etwas von der Wahrheit aus ihm herauszubekommen. Sisko wiederum soll mit der Defiant checken, warum die Pakt-Schiffe während ihrer Wochen im Gamma-Quadranten offenbar einen Kontakt mit dem Dominion herstellten und was sie von ihm wollten. In der Zwischenzeit sucht Ro verbissen nach jenem Verräter, der die Bomben auf DS9 platzierte und für den Tod von Dreiviertel der dortigen Sternenflotten-Crew Verantwortung trägt. Von der raschen Rekonstruktion der Geschehnisse könnte abhängen, ob der Frieden im All gewahrt bleiben kann…

 

Kritik

Normalerweise sagt man ja, der erste Teil eines Cliffhangers sei immer der bessere. Wie erfrischend, denn ausnahmsweise ist es mal umgekehrt. Mühte sich Plagues of Night noch in schier ewigen Aufarbeitungen bereits geschehener Dinge und in Schilderungen irgendwie nicht wirklich zusammenhängender Ereignis- und Charakterepisoden an diversen Schauplätzen, wirkt Raise the Dawn sehr viel mehr aus einem Guss, weil wir nun in der Jetztzeit angekommen sind – und damit nach der Zerstörung von Deep Space Nine, gewissermaßen einer neuen Stunde Null im Star Trek-Universum.

Der Roman schreitet flüssig voran. Dabei ist er zwar nicht besonders unvorhersehbar oder kreativ, denn gerade in der ersten Hälfte sieht der Leser den Mannschaften von Enterprise, Robinson und Defiant weitgehend nur zu, wie sie Überlebende bergen und die Typhon-Pakt-Intrige Stück für Stück aufzuarbeiten versuchen, kennt jedoch bereits aus dem ersten Buch den tatsächlichen Ereignisverlauf. Insofern ist die anfängliche Spekulation, das Dominion könnte einen neuen Krieg im Sinn haben, eher ermüdend denn der Handlung förderlich.

Auch, dass die durchtriebene Sela weiter macht mit ihren Plänen, gegen die Föderation zu arbeiten, oder dass Kasidy die Zerstörung von DS9 überlebt hat (welcher Captain verliert schon zwei Ehefrauen?!), ja dass die Siskos sich im Angesicht der großen Krise wieder zusammenraufen, ist ziemlich berechenbar. Trotzdem stimmt die Atmosphäre im Buch, auch deshalb, weil es diesmal ein klares Zentrum hat: das Navigieren verschiedener politischer und militärischer Akteure in einem nach der Auseinandersetzung im bajoranischen System extrem heiklen politischen Umfeld, in dem jeder falsche Schritt, jede unüberlegte Entscheidung den Frieden im Quadrantengefüge endgültig zu Grabe tragen könnte. Das gilt sowohl in außenpolitischer Hinsicht als auch in Fragen der Innenpolitik. Letztere betrifft insbesondere Kamemor, die Selas Machenschaften auf die Schliche kommt.

Im weiteren Verlauf der Handlung, während Sisko, Picard und Ro noch mit der Aufarbeitung des Geschehenen beschäftigt sind, entwickelt sich eine neue Bedrohung: Der Typhon-Pakt durchbricht eine neue Schwelle der technologischen Evolution. Er ist nun in der Lage, künstliche Wurmlöcher zu erschaffen. Diese sind allerdings bis auf weiteres darauf angewiesen, an existierende stabile Wurmlöcher 'angebunden' zu werden. So hat der Pakt wenigstens Zugriff auf das Bajoranische Wurmloch, ohne durch Föderationsraum reisen zu müssen. Nach der verpatzten Mission im Gamma-Quadranten, in deren Folge mit der Vernichtung der Eletrix die vom Dominion entwendete Antriebskomponente verloren ging, sind die radikalen Elemente jetzt mehr denn je gewillt, zu klotzen anstatt zu kleckern...und schicken prompt eine ganze Flotte Richtung Dominion auf die andere Seite der Galaxis. Es scheint, als würde die Föderation trotz aller Bemühungen den Anschluss an ihren großen neuen Widersacher verlieren, und das wird durchaus dramatisch in Szene gesetzt.

Charakterlich tritt George einen gehörigen Schritt zurück und konzentriert sich lediglich darauf, aus dem ersten Roman offen Gebliebenes zu einem vorläufigen Ende zu bringen. Neben dem Verhältnis von Sisko und Kasidy wäre da natürlich die gelungene Verabschiedungszeremonie für Elias Vaughn zu nennen, nachdem sich seine Tochter Prynn dazu entschlossen hat, dass es das Beste ist, die Lebenserhaltungsgeräte ihres seit Jahren im Koma liegenden Vaters endgültig abzuschalten. Hier treten ein letztes Mal die meisten der verbliebenen DS9-Recken zusammen, und ein wenig wirkt es wie die Beisetzung der großartigen achten Staffel des DS9-Relaunch. Bashir beginnt in eigener Sache nach dem Bombenleger zu ermitteln, um die von Ro verdächtigte Sektion-31-Agentin Sarina - seine große Liebe - zu entlasten. Traurig ist allerdings, dass wir weiter auf einen spannenden Kampf des Doktors gegen die Geheimorganisation warten dürfen, denn seit dem Roman Abyss in der achten Staffel ist viel versprochen, aber wenig gehalten worden. Und Prätorin Kamemors Profil wird in ihrer Rolle als 'romulanischer Gorkon' weiter geschärft. Ansonsten gibt es weder Ausrutscher noch übermäßig positive Überraschungen.

So solide die politische Story daherkommt, so sehr frage ich mich eines: Wenn Star Trek ein Spiegelbild der aktuellen Welt und ihrer Probleme sein soll, warum geht es dann in der ganzen Typhon Pact-Reihe, insbesondere in diesem Zweiteiler, um die Konfrontation zweier Superblöcke? Warum geht es um den kalten Krieg? In unserer realen Welt ist der bereits längst abgeschlossen, und wir sind im 21. Jahrhundert eingetreten in eine Art von neuer Unübersichtlichkeit mit vielen regionalen Mittelmächten und einem rasanten Aufstieg Chinas. Dies ist das Zeitalter der Multipolarität mit ganz neuen, eigenen Herausforderungen. Aber wenn ich mir die aktuelle Star Trek-Literatur ansehe, habe ich nicht den Eindruck, dass dort die politische Gegenwart reflektiert wird. Es ist schade, dass Star Trek in dieser Hinsicht noch in der Vergangenheit zu leben scheint.

Vielleicht noch eine Bemerkung zu Siskos vermeintlichem Schicksal: Am Ende sehen wir, wie sich das Wurmloch - möglicherweise für immer - schließt. Sisko wird mitgeteilt, er sei nun endgültig fertig mit den Propheten. Wie oft haben wir das schon gehört? Ich jedenfalls habe Probleme, diese Versprechungen zu glauben, und meiner Meinung nach wäre es auch nicht notwendig gewesen, den Post-Destiny-Sisko wieder mit dieser spirituellen Komponente zu verbinden. In einer aufgeladenen politischen Handlung zumal empfand ich die visionären Einlagen rund um Benny Russel als ziemlich störend. Es bleibt zu hoffen, dass nun wirklich eine neue Ära für Benjamin Sisko anfangen kann. Der arme Mann hat schließlich schon genug Abstecher in die Welt der Metaphysik ertragen müssen.

 

Fazit

Raise the Dawn ist eine durch und durch politische Geschichte, die sich mit den Folgen rund um die Zerstörung von DS9 beschäftigt. Durch Konzentration auf ganz bestimmte Akteure, die penible Aufarbeitung der Katastrophe im Bajor-System und den Kampf um Frieden in Alpha- und Beta-Quadrant gelingt es dem Roman, viele der Schwächen des Vorgängers auszubügeln. Sicherlich ist Raise the Dawn damit noch lange kein Überflieger, aber es weiß dafür genau, wo es hin möchte.

6/10 Punkten.

6-2012