STAR TREK COMPANION
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Relaunch / Deep Space Nine

Worlds of DS9 #3: Olympus Descending

Autor: David R. George III
Erscheinungsjahr: 2005
Seitenzahl: 190
Band: Post-Season-8

Inhalt

Odo hörte die Geschichte zum ersten Mal, nachdem es ihn in den Omarion-Nebel im fernen Gamma-Quadranten gezogen hatte. Er stand auf der Heimatwelt der Gründer, fand nach langer Zeit endlich sein eigenes Volk und erfuhr den Grund seines Exils: Als einer von hundert gerade erst ‚geformten‘ Wechselbälgern wurde er fortgeschickt in die Weite der Galaxis, um, wie es hieß, Wissen über das All zu sammeln und dieses eines Tages in den Schoß seines Volkes zurückzubringen. Durch die Wurmlochpassage war er der erste dieser Hundert, der – Jahrhunderte bevor man ihn erwartete – den Weg zurück zu seinen Leuten gefunden hatte. So erzählte man es ihm zu Beginn der dritten DS9-Staffel.

Doch die Zeit ist fortgeschritten, inzwischen ein ganzer Krieg vom Dominion verloren und die Gründer in die kollektive Depression gestürzt worden. In diesem Klima hat Odo, seit er DS9 verließ und in die Große Verbindung zurückkehrte, ein Jahr lang hartnäckig versucht, die misstrauische Einstellung seiner Spezies den Solids gegenüber zu ändern und Werte wie Toleranz und Friedfertigkeit einzubringen. Er hatte nur bedingt Erfolg.

Und dann, eines Tages, erscheint eine eigenartige Nova am Himmel, die die Gründer in freudige Erregung versetzt – und dazu führt, dass Odo erfährt, was es wirklich mit den Hundert, denen er angehört, auf sich hat. Und den Gründern als Ganzes, bei denen nichts ist, wie es in sieben langen Serienjahren den Anschein hatte.

Die Große Verbindung hat ein gewaltiges Geheimnis vor ihm gehütet. Die Hundert, erfährt Odo schließlich, wurden nicht etwa ausgesandt, um Wissen für die Große Verbindung heranzutragen, sondern um die verlorene Gottheit der Gründer, den Urahn (eine Art Urformwandler), zu finden und zurück zu ihren Kindern zu locken. Ja, richtig gehört. Die Gründer gebärden sich zwar selbst als Götter in ihrem kaltblütigen Imperium, doch auch sie besitzen einen Glauben und blicken zu einer Entität auf. Doch scheint dieser Glaube, anders als zum Beispiel bei den Bajoranern, recht funktional ausgerichtet zu sein, denn die Wechselbälger sterben aus. Eine weitere, erschütternde Wahrheit. Offenbar sind sie nicht imstande, sich fortzupflanzen, und erhoffen sich vom Urahn den Bann ihres Unfruchtbarkeitsfluchs. Und nun, so scheint es mit der am Himmel erschienenen Nova, könnte das lange Warten auf Erlösung ein Ende haben.

In der Zwischenzeit geht es Taran’atar schlecht. Der Ketracel-White-unabhängige Jem’Hadar, der vor einem Jahr von Odo nach DS9 geschickt wurde, um Kira zu beschützen und als Beobachter zu fungieren, fühlt sich ziellos und schwach, seit er begann, zu schlafen und sogar Träume zu haben. Er hat das Gefühl, dass er sich in etwas verwandelt, das seiner Natur zuwiderläuft. Vor allem aber beginnt Taran’atar daran zu zweifeln, dass er hier, im Alpha-Quadranten und fernab seiner Götter, am richtigen Platz ist. Welchen Sinn hat seine Stationierung auf DS9 gehabt, fragt er sich, welchen Sinn seine von Odo befohlene Anpassung an die Solids, wenn er doch sein Leben lang für das Dominion in Schlachten gezogen ist? Odos Gespräche mit ihm, als der Gründer noch auf der Station war, haben ihn nicht wirklich vom tieferen Sinn seiner Mission überzeugen können. Er braucht geistige Führung.

Um sein inneres Gleichgewicht zurückzuerlangen, bittet Taran’atar Kira darum, einen Besuch bei dem Wechselbalg zu arrangieren, der als „Gründerin“ die Kriegsverbrechen des Dominion im Alpha-Quadranten zu verantworten hat…

 

Kritik

Olympus Descending ist eine jener wenigen Star Trek-Erzählungen, die gleichzeitig ambitioniert und auf inhaltlich hohem Niveau sind, aber trotzdem platt, abgedroschen und unauthentisch wirken. Die hier erzählte Geschichte findet sich selbst nicht, möchte man sagen. So gut David R. George III, zweifellos einer der großen Star Trek-Charakterautoren, die Figuren wieder einmal trifft und ihnen Tiefe verleiht, so befremdlich ist die Story, die er uns hier bietet. Damit meine ich vor allem die Haupthandlung rund um Odo und die Gründer.

Klar, die Erklärung mit den Hundert, die ausgesandt wurden, um Wissen zu sammeln, wirkte schon zu Serienzeiten nie ganz wasserdicht. Warum sollten Formwandler-‚Säuglinge‘ in die Ferne geschickt werden? Und wieso sollten die misstrauischen, paranoiden und hundertprozentig auf den Schutz ihrer Art ausgerichteten Gründer gerade ihre Brut in die Weite schicken? Das ergab bereits damals wenig Sinn. Und auch über die Frage, ob und wie sich die Gründer fortpflanzen, wurde stets Stillschweigen bewahrt. Zugegeben, Widersprüche und Lücken waren da. Doch was George macht, ist, einer unvollkommenen und nicht ganz runden Sache eine ganzheitliche Erklärung aufzupfropfen, die alles Dagewesene umwirft und überhaupt nicht zu den Gründern, wie wir sie zu kennen glaubten, passen will. Eine waschechte Verschlimmbesserung ist das!

Odo erkennt also, dass er gar kein ‚Säugling‘ war, als er in die Ferne geschickt wurde, wie es noch in Die Suche hieß. Stattdessen ist er schlicht ein Wechselbalg, dessen Identität ausgelöscht wurde und dessen Leben noch einmal neu anfing. Das gilt auch für Laas (Episode Hirngespinst) oder das vermeintliche Formwandler-Baby, welches er einst fand (Episode Das Baby). Plötzlich begegnen uns die Gründer als verletzliche, religiöse Eiferer, die nicht nur in Wahrheit geschlechtslos sind (wie passt das zu den eindeutigen Geschlechtsmerkmalen und -bezeichnungen, die wir stets in der Serie zu sehen bekamen?), sondern zudem auch noch vom Aussterben bedroht. Aussterben? Kommt uns das nicht irgendwie bekannt vor? Was bei den Andorianern funktioniert hat und durchaus interessant war, wirkt hier völlig fehl am Platze und zerstört das in sieben TV-Jahren aufgebaute Bild der Wechselbälger.

Ich finde es im höchsten Maße verwunderlich, dass es der Großen Verbindung bei unzähligen Verschmelzungen mit Odo gelungen sein soll, so elementare Wahrheiten so lange vor ihm verborgen zu halten. Und kaum ist die Katze einmal aus dem Sack, beginnen sich die Dinge völlig zu überschlagen. Auf wenigen Dutzend Seiten werden wir Zeuge, wie die Große Verbindung erst die offenbare Wiederkehr ihres Gottes zelebriert, dann aber ins Unglück stürzt. In ungeheurem Tempo degeneriert sie zu einer armseligen und ganz und gar ohnmächtigen Masse am Leben klammernder Wesen, denen die Besonderheit als Spezies völlig abhanden kommt. Auf die Schnelle wird so ein jahrtausendealtes Imperium mal eben abgewickelt – mit dem Resultat, dass die Gesellschaft der Wechselbälger sich auflöst. Ein Ende, das mich komplett fassungslos macht und das ich weder glaubwürdig noch nachvollziehbar finde.

Trotz der Bemühungen, einigermaßen logische Erklärungen anzubieten, macht George mit seiner deutlich anzumerkenden Erklärseligkeit alles nur noch schlimmer. Denn eine an sich absurde Umdichtung von Odos Volk und dessen Anschauungen bzw. Beweggründen kann man mit noch so vielen Erklärungen nicht gut beikommen. Zwar bietet der Autor eine teilweise Auflösung mancher Ungereimtheiten, Lücken und Paradoxien, aber was letztlich dabei herauskommt, ist für mich Non-Canon im schlechten Sinne: Gemessen an der Vorlage wirkt es an den Haaren herbeigezogen.

Ein Beispiel dafür ist allein die Wahrheit hinter den Hundert. Ich muss zugeben, ich tue mich schwer bei dem Gedanken, dass ein Gott, der sein Volk erschuf und irgendwann entschied, es sich selbst zu überlassen, durch ein paar verstreute Formwandler, die in die ganze Galaxis entsandt wurden und ihm vielleicht eines Tages über den Weg laufen, sich umstimmen lässt und bereit ist, es vor dem Untergang zu bewahren. Die Gründer als spirituelle, gottesgläubige und geängstigte Schar, deren ganzes komplexes Weltbild am Ende nur noch auf die Furcht vor dem eigenen Aussterben zurückgeführt wird. Das ist in etwa so enttäuschend wie die lächerliche Gesamtauflösung rund um die Motive Qs im TNG-Roman Q&A. Das Dominion scheint ein erbärmliches Ende zu finden, und sein Untergang wurde soeben eingeläutet.

Immerhin begeht George nicht noch den Fehler, uns einen komischen, verkorksten Gründer-Gott vorzusetzen, sondern lässt Odo im Zuge einer kleinen Reise herausfinden, dass dieser bei der Detonation der Nova getötet wurde. Spannend dabei: Offenbar haben die religiös-fanatischen Aszendenten, erstmals aufgetaucht in Rising Son, die Nova künstlich erzeugt, weil sie es gezielt darauf anlegten, den Urahn zu eliminieren.

Allgemein weiß ich gar nicht, wieso diese ganze Gottesthematik im Zentrum der Geschichte stehen musste. Meiner Ansicht nach war das ein vollkommener Irrweg. Odo war jetzt so lange bei seinem Volk und hat hart darum gekämpft, dessen xenophobe Einstellung zu ändern - und damit das Dominion als Ganzes. Es wäre schön gewesen, wenn dies endlich belohnt worden wäre. Ich hätte es toll gefunden, wenn Odo einen Weg gefunden hätte, seinen Leuten die Augen zu öffnen - gerne unter Zuhilfenahme der Wunder des Universums, aber bitte nicht mit so einer absurden Gottesgeschichte. So wird Odo nicht der Türöffner eines kulturellen Neuanfangs der Großen Verbindung, sondern ihr Totengräber. Es ist auch ein Vergehen am tollen Charakter Odos, dass Olympus Descending diesen Weg einschlägt und wahnsinnig viel Potenzial verschenkt.

Der Taran’atar-Bogen hat ganz andere Schwächen als der Hauptplot. Anders als die Handlung rund um Odo wird hier nicht mit kreativen Einfällen (wie schlecht diese auch sein mögen) hantiert – vieles wirkt stattdessen breitgewalzt, und man wird den Eindruck nicht los, dass es hier fast nur darum geht, Seiten zu füllen. Erst im letzten Drittel passiert überhaupt etwas Nennenswertes. Die Hochsicherheitsanlage Anake Alpha wird extrem detailliert geschildert, Taran’atars Gedanken, Erfahrungen und Empfindungen vielfach rekaptiuliert und ausgetreten. Und auch das angepriesene Zwiegespräch mit der Gründerin entpuppt sich weitgehend als Luftnummer.

Aber das für den Leser Schlimmste gibt es erst gegen Ende. Da wird eine unter die Haut gehende Ausbruchsszene in aller Ausführlichkeit geschildert, nur damit man schließlich feststellen darf, dass diese sich gar nicht ereignet hat, sondern lediglich das Produkt von Taran’atars Einbildung war. Immerhin ganz zum Schluss kommt es doch noch zu einer dramatischen Entwicklung. Obwohl wir keine Antworten erhalten haben, was denn nun der Grund für den seltsamen Wandel des Jem’Hadars ist (hat die „Gründerin“ vielleicht doch etwas damit zu tun, oder was steckt dahinter?), bietet seine Flucht einen veritablen und spannenden Cliffhanger. (Wer die neunte DS9-Staffel bereits kennt, wird wissen, dass leider eine herbe Enttäuschung auf den unwissenden Leser wartet.)

 

Fazit

Die sechste Geschichte im letzten Band der Worlds of DS9-Reihe überzeugt mich leider nicht. Zwar wagt sich David George III an ein großes Thema – eine vertiefende Darstellung der ominösen Gründer-Zivilisation – heran, doch die Erklärungen, die er anbietet, und der Kurs, den er einschlägt, wollen irgendwie gar nicht zum bisherigen Bild der Dominion-Herrscher passen. Vieles wird komplett umgestoßen, neue Widersprüche entstehen dabei, die Erklärungen wirken kein bisschen überzeugend.

Was wir in Olympus Descending sehen, ist ein gottesfürchtiges, verzweifeltes Volk, das beinahe nichts mit jenen überzeugten, missionarischen Formwandlern zu tun hat, wie sie uns in DS9 begegneten. Die Auflösung der Großen Verbindung ist dann nur der irrwitzige Höhepunkt der Handlung. Auf Wiedersehen, Dominion...

5/10 Punkten.

8-2014