STAR TREK COMPANION
return to the edge of the final frontier

Relaunch / Enterprise

Last Full Measure

Autor: Andy Mangels / Michael A. Martin
Erscheinungsjahr: 2006
Seitenzahl: 300
Band: -

Vorbemerkung

Der Roman Last Full Measure wird häufig als erster Band des Enterprise-Relaunch angesehen. Tatsächlich ist er jedoch ein eher konventionelles Einzelabenteuer im Rahmen der dritten Serienstaffel, das lediglich in Prolog und Epilog Andeutungen zur Romanfortsetzung macht. An dieser Stelle platziere ich ausnahmsweise nicht meine eigene, sondern die - mir ganz und gar aus der Seele sprechende - Fremdrezension von Jörn Podehl.

 

Inhalt

Der 22. März 2153 ist ein schrecklicher Tag für die Menschheit: Sieben Millionen Erdenbewohner sterben bei dem Angriff einer todbringenden Sonde auf den Blauen Planeten. Sie ist von einem Volk namens Xindi geschickt worden und nur die Vorhut dessen, was die Erde in naher Zukunft erwartet.

Sechs Monate später sucht die Enterprise unter Captain Jonathan Archer in der Delphischen Ausdehnung verzweifelt die Erbauer der Waffe, doch kommt das Erdenschiff inmitten der fremden, feindseligen Raumgegend nur langsam voran. Zu allem Überfluss mehren sich die Streitereien unter den Crews der Sternenflotte und den MACO-Soldaten.

Doch nach knapp zwölf Wochen in der Ausdehnung gibt es endlich einen weiteren Hinweis auf die Xindi - und vielleicht auf ihre Heimatwelt: Ein Kurier namens La'an Trahve arbeitet angeblich für die Xindi, und Archer vermutet, dass er den Bauort der Partikelwaffe, die die Erde vernichten soll, kennt. Archer sieht in ihm die Chance, den Start der Waffe zu vereiteln oder mindestens zu verzögern. Doch Trahve erweist sich wider Erwarten als nicht sehr kooperativ, als das von Archer geführte Außenteam mit Trahves Fähre und dem Kurier zu der Weltraumeinrichtung aufbricht: Sie geraten in eine Falle der Xindi, aus der es scheinbar keinen Ausweg gibt.

Nur Stunden später entdecken die Sensoren der Enterprise chemische Substanzen, die denen des Antriebs der Xindi-Sonde entsprechen. T'Pol vermutet ein Depot oder Ähnliches dahinter und schickt Travis Mayweather und ein Team aus MACOs mit dem zweiten Enterprise-Shuttle auf eine Aufklärungsmission. Bei der ominösen Einrichtung im Weltall handelt es sich tatsächlich um ein Treibstoffdepot, in dem Antriebsstoff für die Xindi-Sonde gelagert werden könnte - und Mayweather und seine Kollegen geraten plötzlich in Schwierigkeiten.

 

Kritik

Die Autoren Martin A. Martin und Andy Mangels sollten dem aufmerksamen Star Trek-Romanleser wohl bekannt sein. Mit ihrem Debütwerk, einem TNG-Roman in der Sektion-31-Reihe, begannen sie ihre Karriere und verfassten seitdem diverse Star Trek-Bücher, darunter auch die ersten beiden Titan-Bände, Taking Wing und The Red King. Nächstes Jahr wird der erste Roman der neuen Excelsior-Reihe um Captain Sulu aus ihrer Feder stammen.

Gerüchten zufolge sollte Last Full Measure den Enterprise-Relaunch einläuten, so wie es bereits Serienfortsetzungen zu TNG, Deep Space Nine und Voyager gibt. Die Art und Weise, einen Relaunch zu beginnen, ist jedenfalls ungewöhnlich: Das Buch handelt von einem Abenteuer in der Zeit des Xindi-Konflikts 2153 und spielt etwa zwölf Wochen nach der TV-Episode The Xindi, in der Archer und Tucker in der Trellium-D-Mine auf Tulaw gefangen genommen wurden.

Ich gebe zu, die Story um die Weltraumeinrichtung, von deren angeblichem Standort Archer durch einen zwielichtigen Kurier erfahren hat, ist nicht besonders einfallsreich (umso weniger der Auftakt der Geschichte auf Kaletoo, das verdächtig an Mos Eisley in Star Wars erinnert). Es ist von Anfang an klar, dass er dem Informanten auf den Leim geht und mit Reed, Hayes und einigen anderen MACOs in eine Falle gelockt wird. Tatsächlich erweist sich das vermeintliche Depot als Waffenplattform, auf die Archer und Co. gebracht werden sollen. Ihre Befreiungsaktion mithilfe von Shuttlepod One, das unter Funkstille hinter ihnen her fliegt, ist unbefriedigend und erinnert stark an die TV-Episode Cold Station 12 der vierten Staffel, in der Archer schon mal so einen Stunt durch den Weltraum aufs Parkett gelegt hat wie in diesem Buch: Er und seine Kollegen entdecken, dass die Einrichtung eine Falle ist, gelangen mit dem Shuttle des Kuriers in einen Traktorstrahl und befreien sich durch einen herbeigeführten Warpkernkollaps. Um nicht selbst dabei draufzugehen, öffnet Shuttlepod One seine Luftschleuse, sodass die Sternenflotten- und MACO-Offiziere von La'an Trahves Schiff ins Shuttle springen können (natürlich ohne Raumanzug oder dergleichen).

Schön allerdings sieht man, wie Archer sich zu verändern beginnt: Die gesamte Situation, in der er und die Enterprise-Crew stecken, lastet schwer auf ihm; schnell fühlt man mit ihm und kann den Schritt in Richtung Folter nachvollziehen, um an die Informationen über die Waffe und das (echten) Waffendepot zu gelangen. Dieses moralische Thema, das später in der Serie noch zum Tragen kommen wird, wird durch Last Full Measure vorbereitet und ein wenig geerdet. Ausgerechnet dem wortkargen Sicherheitsoffizier Reed obliegt es dabei, als Gegenpol zu Archers zunehmendem Drang herzuhalten, Folter als letztes Mittel einzusetzen, und seine Beweggründe dafür werden über Flashbacks sehr schön und glaubwürdig geschildert. Tatsächlich zählen diese seltenen Momente zu den stärksten Szenen des Romans, wiewohl der Wandel der Figur des Captains auch schon in der Serie ein wenig mit dem Holzhammer daherkam. Dennoch gilt: Die Charaktere im gesamten Buch sind sehr schön gezeichnet, die Konflikte zwischen den Sternenflotten- und MACO-Leuten wirken nur selten überzogen oder unauthentisch.

Ähnlich ergeht es Mayweather, der mit einer Handvoll MACOs in Shuttlepod Two von T'Pol losgeschickt wird, um einer Spur nachzugehen, die tatsächlich zu einem Treibstoffdepot führt. Auch hier finde ich die Geschichte eher gezwungen herbeigeführt, mit einem spektakulären, aber dämlichen Ende. Sie können das Depot in die Luft jagen, doch zuvor muss die gesamte Mannschaft in Weltraumschutzanzügen den Shuttle verlassen und die Sprengsätze an strategisch wichtigen Punkten installieren. Doch geraten sie zwischendurch in Gefahr, als die Magnetstiefel des gesamten 'Außenteams' kurz vor der Detonation der selbst montierten Sprengkapseln durch ein Sicherheitssystem auf der Oberfläche der Depothülle hängen bleiben. Dadurch kommen sie nicht weg, doch selbstverständlich gelingt ihnen die Befreiung auf eine mehr als merkwürdige Art und Weise. Dagegen ist die Freundschaft zwischen Mayweather und Corporal Selma Guitierrez ganz toll beschrieben. Guitierrez leidet darunter, dass sie ein Techtelmechtel mit einem MACO-Kollegen gehabt hat und dadurch schwanger geworden ist. Sie sieht ihre Karriere als gefährdet an und würde am liebsten ihren Beruf an den Nagel hängen, aber gegen Ende wird sie von Hayes vom Gegenteil überzeugen, womit man auch die nette Seite von Hayes sieht.

Lassen wir die mäßige Story außen vor, die trotzdem kurzweilig und gut zu lesen ist. Mangels und Martin arbeiten wunderbar die Spannungen unter den Leuten heraus und stellen in diesem Kontext die Nebenfiguren der TV-Serie in den Vordergrund. Zeigt die dritte Staffel mehr die Probleme zwischen Hayes und Archer (und ab und zu Reed), greift das Buch die Probleme der 'weniger wichtigen' Crew-Leute heraus. So bei Mayweather und Coporal Chang, die sich widerwillig ein Zimmer teilen müssen. Hoshi bekommt auch einen Auftritt, verschwindet aber leider später in der Versenkung.

Der Grund: Urplötzlich fallen eine Handvoll Crewmitglieder im Schiffscasino in Ohnmacht und müssen auf die Krankenstation. Darunter eben Hoshi und Trip Tucker. Leider wird hier auch nicht so richtig klar, was das überhaupt sollte, weil das Ganze für die spätere Story keine Bedeutung hat. Stattdessen werden Travis und Malcom zu den Hauptfiguren; man erfährt einiges über Reeds Vergangenheit auf der Akademie und seine Meinung zur Folter (er selbst ist als junger Kadett oft von einem Kollegen gequält worden und dadurch beinah gestorben). Zwischendurch in der Story sind vereinzelt Briefe von Travis an seine Mutter zu lesen, die seine Stellung und Gefühle dem Krieg gegenüber schildern.

Mit den MACOs ist das so eine Sache: Der Leser erfährt viel über sie, ihre früheren Aufträge und Missionen und über die Ränge im Vergleich zur Sternenflotte. So kann es Joss Hayes nicht gänzlich verkraften, dass sein Rang des Majors äquivalent zu einem höheren Lieutenant ist, was ein bisschen an Hayes' Ego kratzt. Und es gelingt den Autoren auch, die MACO-Seite zu beleuchten und nicht immer Partei für die Sternenflotten-Leute zu nehmen. Trotzdem schmunzelt man, wenn die MACOs unbeholfen in der Schwerkraft herumfliegen oder wie gedrillte Jungspunde ihren Einsätzen entgegenfiebern und manchmal einfach nur (pseudo)militärischen Stumpfsinn zum Besten geben beziehungsweise so handeln. Gut, hier sind die Vorgaben durch die Serie ja auch nicht optimal gewesen; die Autoren mussten mit dem arbeiten, was sie von der Serie geliefert bekamen.

Das Gegenwartshandlung an sich spielt am 12. August 2238, dem Föderationstag, allerdings nur in Prolog und Epilog. Zu dieser Zeit stehen zwei Personen am Sternenflotten-Kriegsdenkmal, und einer von den beiden - ein älterer Herr - erinnert sich an den Xindi-Konflikt von vor nunmehr 85 Jahren (Hauptteil des Buches). Zuerst denkt der Leser, es müsste sich dabei um Admiral Archer handeln, doch weit gefehlt. Im Epilog stellt sich heraus, dass es Charles Tucker ist, der 2160 doch nicht (wie in der letzten Episode eigentlich gezeigt) ums Leben gekommen ist, sondern über 85 Jahre im Geheimen gelebt hat.

Es riecht nach Revolution. Warum sind die Dinge anders gekommen als geglaubt? Das weiß man noch nicht, aber ich bin sicher, dass damit der Weg zu einem interessanten Enterprise-Relaunch geebnet ist - jedenfalls dann, wenn es gelingt, den offiziellen Canon glaubhaft in eine neue Richtung zu massieren. Apropos: Hat der (vermeintlich) sterbende Trip in seiner letzten Szene Archer nicht leicht spitzbübisch zugezwinkert?^^ Am Rande treffen wir auf Familie Kirk - George Senior und Junior, Winona und schließlich James Tiberius - und erfahren auch noch vom Bau der Constitution-Klasse. Na, wenn das nichts ist... Man kann gespannt auf den Relaunch sein, wenn er denn in seiner vollen Pracht kommt.

 

Fazit

Eine mittelmäßige Story, die überhaupt fast sinnlos erscheint, aber verdammt gut herausgearbeitete Charaktere, Spannungen unter der Crew, die Einsicht, dass das Gegenüber doch gar nicht so übel ist, und eine Überraschung in Pro- und Epilog machen das Buch zu einem lesenswerten Roman für zwischendurch. Für die kommende Fortsetzung von Enterprise bin ich mal optimistisch gestimmt.

6/10 Punkten.

5-2006