STAR TREK COMPANION
return to the edge of the final frontier

Relaunch / Titan

 

Nummer Eins auf eigenen Beinen

Gute Dinge, so sagt man, passieren denen, die Geduld haben. 15 Jahre hat es gedauert, bis William Riker bereit war, „ohne Netz zu operieren“. Am Ende des letzten TNG-Kinofilms Nemesis sahen wir, wie er als frisch gebackener Captain Jean-Luc Picards Bereitschaftsraum verließ, die ersten Schritte sozusagen. Nun befehligt er sein eigenes Schiff, die U.S.S. Titan, und das zu einer Zeit, in der es für die Sternenflotte wichtiger ist denn je, an ihre Traditionen erinnert zu werden. Nicht von ungefähr reist Riker in Begleitung der biologisch und kulturell diversifiziertesten Crew aller Zeiten, während er auf Forschungsreise in die Tiefen des Beta-Quadranten geht, um die ehrenvollsten Ideale der Sternenflotte nach Krisen, Kriegen und Katastrophen wiederzuerwecken.

 

Zeit für einen neuen Aufbruch

Marco Palmieri, seinerzeit zuständig für die Konzeption der Titan-Reihe, erinnert sich: „Nemesis hat uns die Gelegenheit für Titan auf dem Silbertablett präsentiert.“, eröffnet er. „Die eigentliche Frage war also nicht, ob Titan kommen würde. Sondern eher das Wann und vor allem, worüber die Reihe handeln, was ihr Alleinstellungsmerkmal gegenüber bisherigen Star Trek-Serien sein sollte.“ Mit Vanguard, das im selben Jahr [2005] das Licht der Welt erblickte, hatte man den Fans bereits unter Beweis gestellt, dass man ihnen keinen alten Kaffee servieren wollte. Trotzdem war auch bei Titan von vorne herein Wert darauf gelegt worden, das Konzept sorgsam zu durchdenken und zu diskutieren. Titan ist keine Serie, die auf Krampf geboren wurde, kein Star Trek-Malen nach Zahlen.

Der Aufhänger für Titan war ironischerweise, erläutert Palmieri weiter, das Gegenteil von dem, was Star Trek in den späten neunziger Jahren besonders populär gemacht hatte. „Nemesis spielte vier Jahre nach dem Dominion-Krieg, einer wirklich schlimmen Zeit für die Planetenallianz. Und auch schon vorher hatte die Föderation mit feindseligen Klingonen, Borg und Cardassianern zu tun. Irgendwo auf diesem Weg begann sich das Star Trek-Universum um die ständige Frage zu drehen, welcher Bösewicht denn als nächstes aus den Tiefen des Alls auftauchen und für noch größere Zerstörung sorgen sollte. Hier kam Titan ins Spiel. Ich wollte die Balance erneuern.“

Palmieris Inspiration ging zurück auf klassische Vorstellungen von Star Trek, den Mythos des Franchise. Ihm schwebten von vorneherein Schlagwörter vor wie Forschung, Diplomatie und Wissenserweiterung, und all das möglichst friedlich. ‚Back to basics‘ nennt er das Konzept, das nach dem düsteren Nemesis-Streifen an einem Wendepunkt in der Föderationsgeschichte ansetzt und den Weg freimacht für eine Restauration des ursprünglichen Sternenflotten-Gedankens. Es sollte weggehen vom ständigen Leben in Angst vor bewaffneten Konflikten und wieder hin zu Zeiten, da alle noch Forscher waren.

 

Der Captain als Kompass

Doch warum sollte ausgerechnet Riker als Kopf des Unterfangens für diesen Neuanfang stehen? Seit seinem ersten Auftritt in Der Mächtige, so sieht es jedenfalls der Verlagsmann, wurde Riker als jemand dargestellt, der begierig darauf ist, neue Welten und neue Kulturen zu erforschen. Palmieri erwähnt die TNG-Episode Der Austauschoffizier, in der Riker als Teil eines Austauschprogramms zeitweilig einer klingonischen Crew beitritt, als herausragendes Beispiel für Rikers Begeisterung für Neues und seinen Hunger nach fremden Kulturen.

„Ein großer Teil der Entscheidung darüber, wovon Titan handeln sollte, wurde danach getroffen, was Riker für einen Charakter hat und welche Art von Mission für ihn die richtige ist.“, erklärt Palmieri. „Es wäre leicht gewesen, Riker in eine Situation zu bringen, in der er gegen den neuesten Schurken vorgehen müsste. Das Problem ist nur, dass das schon so oft geschehen ist. Nun übernimmt Riker hier tatsächlich die Hauptrolle bei der Art von Mission, um deretwillen er der Sternenflotte beigetreten ist, und er ist bereit dazu.“

Trotz dieses klaren Kurses geht die Titan nicht sofort auf Forschungsreise. Stattdessen soll ein fließender Übergang gewährleistet werden. „Der Einfall, Rikers Schiff ausgerechnet auf seinem Jungfernflug in romulanische Intrigenspiele zu verwickeln, kam erst während der Planungsphase. Es erschien mir und den beiden Autoren, Andy Mangels und Michael A. Martin, sinnvoll, direkt an die Ereignisse von Nemesis anzuknüpfen. Auch, wenn das bedeutete, die Forschungsmission der Titan erst ein wenig später beginnen zu lassen. Mit diesem Kompromiss wollten wir den Grad der Authentizität erhöhen und Spielräume für Figuren wie Donatra, Tal‘Aura oder Admiral Akaar nutzen.“

 

Perfekte Mannigfaltigkeit

Der Grundstein friedlicher Erforschung, gibt der Editor zu, wäre allerdings noch keine Revolution gewesen, nichts wirklich Neues. Deshalb sei es ihm darauf angekommen, das Augenmerk auf die 350-köpfige Mannschaft der Titan zu legen, von der nur knapp 15 Prozent Humanoide sind – eine Reservoir an besonderen Gestalten. Beim Crewcasting bediente man sich an allem, was schon einmal da gewesen war: Figuren aus verschiedenen TV-Serien (TNG, DS9, Voyager), früheren Romanen oder Comics. Zustande kam dann auch ein sehr buntes Potpurri, das die Anbindung der neuen Serie sicherte.

Allerdings sollte Titan keine von vorneherein perfekt eingespielte, zusammenhaltende Crew zeigen, so wie es bei TNG der Fall ist. Die Mannschaft muss sich anstrengen, um zusammenzuarbeiten und zu leben. Für Palmieri galt: „Es sollte keine restlos integrierte Crew im Vordergrund stehen, sondern eine, die noch dabei ist, UMUK zu verwirklichen. Mein Ziel war es, eine große Zahl sehr unterschiedlicher Leute und Spezies aus diversen Blickwinkeln zu portraitieren und das herauszuarbeiten, was sie alle verbindet.“

Bei jedem dieser Portraits, so Palmieri, sei es wichtig gewesen, das Gute zu erschließen, den ungewöhnlichen Wert jedes Einzelnen. Wenn Crewmitglieder das Schiff verlassen, soll der Leser dies weniger als Verlust empfinden, sondern ihren Werdegang als Stück in einem Puzzle von Geschichten verstehen, in denen Selbstverwirklichung in unendlichen Möglichkeiten das tragende Element ist. Titan bietet hierfür eine schier unerschöpfliche Zahl von Beispielen und ist damit letzten Endes der Hoffnung zugewandt, dass jeder in diesem Universum seinen Platz findet und ihn auch verdient. Star Trek also ganz im Sinne von Urvater Gene Roddenberry.

 

Titan, ein Schiff der Fans

Gleichzeitig sorgte die Tatsache, dass Riker nach den Ereignissen aus Nemesis als Captain auf ein Raumschiff namens Titan gehen würde, für Neugierde unter den Fans: Was für ein Schiff wird die besagte Titan sein? Diese Spekulationen mochten für manch einen Fan sogar noch mitreißender als der Kinofilm sein. War die Titan ein mächtiges Schiff, das selbst die Enterprise in den Schatten stellte? Oder war sie eher eine Art Voyager, ein spezialisierungsfähiger leichter Kreuzer?

Pocket Books wusste, dass nach dem mäßigen Erfolg von Nemesis das Star Trek, wie wir es kennen, nicht auf die Leinwand zurückkehren wird und der Verlag somit jede Menge Spielraum für neue Ideen und Buchserien haben würde. Aber wie sollte das Schiff eigentlich aussehen? Die Ideen im Fandom sprudelten bereits, und da Titan für ein Publikum von leseeifrigen Fans sein sollte, wandte man sich an sie. Im ersten Roman wurde mit Unterstützung des Designers Michael Okuda ein Wettbewerb um das Aussehen der Titan gestartet. „Das Schiff war noch nie auf dem Bildschirm zu sehen.“, sagt Palmieri. „Wir haben eine Hintergrundgeschichte entworfen, aber der ganze Rest war Sache der Fans.“

An dem Designwettbewerb durften (leider nur) US-Amerikaner und Kanadier teilnehmen: Sie sollten nach gewissen Vorgaben ein Raumschiff aus mehreren Blickwinkeln entwerfen und bis zum Ende des 15. Augusts 2005 an Simon & Schuster abschicken. Gewinner wurde der Amerikaner Sean Tourangeau, dessen Konzept der Titan ein Gesicht gab. Sein Design wurde zur Grundlage für das Cover des vierten Romans, Schwert des Damokles, gemacht, und als Beilage gibt es dort sogar ein ausklappbares Faltblatt in der Mitte des Romans.

 

Leinen los

Nach einem kleinen, aber für die stellarpolitische Stabilität wichtigen Abstecher nach Romulus in Eine neue Ära verschlägt es die Titan in die Kleine Magellanische Wolke. Dort erwarten Riker und seine Crew fremdartige Rätsel und menschliche Abkömmlinge, die sogenannten Neyel. So richtig im Saft ihres eigenen Kurses steht die Titan aber erst ab dem dritten Roman. Das Schiff stößt in einen Raumbereich vor, in dem ein eingeborenes Volk Weltraumlebensformen jagt und sie tötet wie einst Walfänger die großen Riesen der Meere. Dieses bisherige Herzstück der Reihe hört auf den Titel Die Hunde des Orion und entspringt der Feder Christopher L. Bennetts.

Es ist das erste Buch, das Titan sein ganzes Spektrum an Themen vorgibt: Konflikte rund um die Oberste Direktive, produktive Reibungen zwischen Crewmitgliedern aus unterschiedlichen Kulturkreisen, eine Vielzahl von Querverweisen ins bisherige Star Trek-Universum. Vor allem aber geht es um das Exotische und Fremde, das den Urfunken des Franchise verkörpert. „In Titan geht es vor allem darum, das Wunder in die Star Trek-Geschichten zurückzubringen.“, findet Palmieri. „Wir wollen den grundlegenden Geist feiern, der den Kern dieses Mythos ausmacht: hinauszugehen und sich anzusehen, was es dort draußen gibt, mit einer gesunden Portion Naivität mitzuerleben, wie das Unbekannte zum Vertrauten wird, und uns selbst in den fremdartigen Dingen, die wir entdecken, wieder zu finden.“

Mittlerweile sind seit dem Auftakt in 2005 sechs Romane erschienen, in denen die Crew einiges erlebt hat und zusammengewachsen ist. Dabei gab es für Riker und Co. eine Unterbrechung ihrer Forschungsreise durch die apokalyptischen Entwicklungen in Destiny. Doch danach erkennt man in der Sternenflotte rasch, dass es jetzt umso wichtiger ist, ein Schiff da draußen zu haben, das die eigenen Träume und Ideale hochhält. Und so dürfen wir uns auf weitere Abenteuer der Titan freuen.