STAR TREK COMPANION
return to the edge of the final frontier

Relaunch / Deep Space Nine / Extensions of Man. Oder: Von einem futuristischen Tabuthema.

Dieser Artikel ist erschienen in der deutschen Übersetzung des Romans Abyss (Der Abgrund), Cross Cult 2010.

 

„Wir arbeiten, um uns selbst zu verbessern und den Rest der Menschheit.“ So oder so ähnlich klingt es, wenn die großen Captains von James Kirk bis Jonathan Archer Nicht-Eingeweihten ihre hehren Motive näher bringen. Es schwingt immer viel Pathos in diesen Sätzen, und das muss es ja auch wohl. Trotzdem ginge es noch kürzer. Wollte man auf den Punkt bringen, worum es im Kern geht, muss man gerade mal ein einziges Wort bemühen: Fortschritt.
 
Fortschritt ist das Substrat und der Antrieb nicht nur ein paar verwegener Sternenflotten-Kommandanten, sondern der ganzen Föderation der Planeten. Der Mittelpunkt ihres Tuns und Wirkens. Eine friedliche Gemeinschaft von Milliarden intelligenter Lebensformen, ein wahrhaft galaktisches Unterfangen, das sich in erster Linie dem Erwerb von Wissen, dem technologischen Progress, dem Prosperieren verschrieben hat. Das ist in der Philosophie der Star Trek-Serien und -Filme stets das A und O gewesen, sogar noch vor Demokratie und Rechtsstaatlichkeit.

Gene Roddenberry selbst war felsenfest davon überzeugt, dass die Wissenschaft das Potential besitzt, die Menschheit dauerhaft zu vereinen. Die Föderation ist letztlich nur eine utopische Denke dieser Überzeugung. Aus Roddenberrys Sicht würde das gemeinsame Werkeln am Besser-Werden dazu führen, dass Religionen, Kriege, Egoismus und all die schlechten Kleinlichkeiten bald der Vergangenheit angehören.

Und in der Tat klingt es verlockend. Replizieren, beamen, uralt werden… Im 23. und 24. Jahrhundert scheint jeder Wunsch durch irgendeinen wundersamen Apparat Wirklichkeit zu werden, und niemand anderes als die Föderation und ihr explorativer Arm, die Sternenflotte, heizen dieses Verlangen an. Je mehr ich habe, desto weniger kann ich mich zufrieden geben. Das Streben nach kollektivem Fortschritt ist sogar so groß geworden, dass Geld keine Rolle mehr im Leben des Einzelnen spielt. Konsumgier scheint gegen Wissbegierigkeit getauscht worden zu sein. Wahrlich kein schlechter Tausch.

Fast scheint es, als wäre diese interstellare Allianz in ihrem Streben nach Weiterkommen ein Perpeetum mobile; etwas, das einmal angelaufen ist und nie wieder zum Erliegen kommt. Die Resultate sind beeindruckend. Leute, die von Geburt an blind sind, kommen durch Implantate in den Genuss eines überlegenen Augenlichts, Krüppel werden durch biosynthetische Prothesen gesünder als vorher, künstliche Herzen scheinen in der Brust nicht nur eines einzelnen Captains besser als die alten zu schlagen, Himmelskörper werden terrageformt nach dem Abbild der Erde und Hologramme als Diener gehalten. Verbesserung, Wachstum, Weiterentwicklung – wir machen Evolution, könnte die Föderation sich unter das stilisierte Blattdiadem plakatieren.

Und doch: Gerade sie reagiert allergisch, wenn es um ein gewisses Reizthema geht. Es ist gar nicht einmal genuin das Klonen, wie man aus unserer Sicht der Gegenwart vermuten könnte, das irgendwie nicht in ihren Kodex zu passen scheint. Sondern genetische Extension. Eugenie, um ein umstrittenes Wort zu verwenden. In dieser Hinsicht kommt die Föderation in all ihrer kühnen Fortschrittsgläubigkeit merkwürdigerweise konservativer daher als ein kosmopolitischer Medienphilosoph der sechziger Jahre namens Marshall McLuhan, der in seinem Buch The Extensions of Man die Erweiterung des menschlichen Körpers durch maschinelle Adapter geradezu euphorisch begrüßte.
                
Schon heute machen schwangere Frauen von der Pränataldiagonstik Gebrauch, weil sie eine immer größere Angst plagt, sie könnten ein behindertes Baby zu Welt bringen. In der Welt von Star Trek spielen solche Themen keine Rolle. Dürfen sie scheinbar auch nicht. Denn aus Sicht der Föderation gibt es einen wesentlichen Unterschied zwischen der Heilung einer Krankheit und dem Herumbasteln am gesunden Menschenbild.

Das ist ein bemerkenswerter Widerspruch. Fortschritt an sich ist nicht verboten, aber wenn es um Genetik und deren willentliche Beeinflussung geht, scheint die Inquisition des futuristischen Zeitalters zu drohen. Welches könnten die Gründe für ein solches, beinahe dogmatisches Zurückweichen sein? Spüren wir der Sache nach.

 

Eugenie als Urkatastrophe der Star Trek-Historie

Die Wurzel aller kategorischen Reserviertheit gegenüber genetischer Aufwertung liegt – wie so häufig – in der Geschichte begründet. In TOS und Enterprise erhielten wir anschauliche Begründungen dafür, was später einmal zum Trauma der Föderation werden sollte. Wir bekamen Supermenschen zu sehen und auch Versatzstücke ihrer Anschauungen, doch handelte es sich dabei zu Zeiten von Archer und Kirk bereits um Relikte aus ferner und fernster Vergangenheit. Wir erfuhren von Einzelheiten, aber gesamtheitlich wurden die Hintergründe der Generation ‚Augment’ nie entfaltet. Zeit, etwas tiefer zu schürfen.

Soviel ist gewiss: Als Anfang der 1990er Jahre ein großfürstlicher Mutant namens Khan Noonien Singh ein Viertel der Erde unter seine Kontrolle brachte, war das die Urkatastrophe der Erdgeschichte im 21. Jahrhundert. Wenige Jahre später würde Khan zwar mit seinen treusten Anhängern an Bord des Schläferschiffes Botany Bay in den Weltraum fliehen – die Erde wäre gleichwohl irreversibel durch die Auswirkungen eines mehrjährigen Konflikts gezeichnet, der Sprengpotential barg: die Eugenischen Kriege.

In den Eugenischen Kriegen war Khan lediglich die Spitze des Eisbergs. Mit seinem Namen in Verbindung steht eine ganze Reihe gezüchteter Mutanten, die das Resultat von Arbeiten sozialutopisch motivierter Wissenschaftler waren, beseelt vom Glauben, dass ein leistungsfähigerer Mensch auch ein besserer Mensch war. Und tatsächlich entpuppte sich, dass all die Forschung nicht umsonst gewesen war: Die Augments waren seit der Stunde ihrer künstlichen Geburt mit besonderen körperlichen und geistigen Leistungswerten beschlagen, welche die Fähigkeiten ‚normaler’ Menschen weithin übertrafen.

Es geschah etwas, das die Erschaffer nicht vorhergesehen hatten: Unmittelbar nach ihrer Kreierung machten sich die gentechnischen Erzeugnisse selbstständig und begannen sich in die ohnehin instabile internationale Gemengelage auf der Erde einzumischen. Binnen weniger Jahre gelang es ihnen, mittels ausgeklügelter Intrigen, sich in Ländern der Zweiten und Dritten Welt – vornehmlich Afrika und Asien – zu allmächtigen Herrschern aufzuschwingen. Es blieb nicht dabei: Die von den Mutanten regierten Staaten begannen einen Feldzug gegen die westliche Welt, und ein Konflikt an der Schwelle zum globalen Krieg keimte herauf.

Dass die Welt nicht in die Hände der ‚Übermenschen’ fiel, war letztlich nur der Tatsache zu verdanken, dass die einzelnen Augmentfürsten anfingen, einander misstrauisch zu werden – und sich ihrerseits bekriegten. Das schwächte ihre Linie im Kampf gegen die Alliierten und brachte ihnen innerhalb weniger Jahre eine vernichtende Niederlage ein.

Mit Ausnahme Weniger – darunter Khan, seinesgleichen und ein paar im Verborgenen gelagerten Embryonen – verloren die Mutanten ihr Leben. Das, was sie in den Eugenischen Kriegen hinterließen, waren nicht nur Millionen von Opfern und – gerade in den Entwicklungsländern – materielle und ökonomische Verwüstungen. Sie trugen auch die Saat für den kommenden Weltkrieg aus. Die Augments waren zwar nicht mehr, doch motivierte die Ideologie, die letztlich alle Kämpfe auslöste, gewöhnliche Menschen, ihre Denkweise als Blaupause zu übernehmen. Mit dem Verschwinden der Augmentherrschaft lösten sich nicht ihre Ideenkreise auf. Agitatoren wie Colonel Philip Green nahmen sie dankbar auf, um in den kommenden Jahrzehnten das internationale Staatensystem ins Chaos und später in den Dritten Weltkrieg zu stürzen.

 

Finstere Weltbilder

Etwas schien von Anfang an nicht zu stimmen mit den Augments. Sie waren besessen von ihrer Natur, geradezu selbstherrlich. Ihr Machtverlangen kannte keine Grenzen, und ihre Vorstellungen gingen weit: Im Rahmen der Eugenischen Kriege gedachten sie, die Erde rassisch neu zu ordnen. Die Fürsten griffen aus, um auch den Westen mit ihren totalitären Gesellschaftssystemen zu überziehen, in denen ‚normale’ Menschen den Optimierten zu dienen hatten.

Es konnte nie hinlänglich geklärt werden, ob die genetische Aufwertung der Augments wirklich verantwortlich war für jene ungeheure Brutalität und Selbstsucht, die sie trotz persönlicher Kultiviertheit an den Tag legten. In jedem Fall zeigten beinahe alle Mutanten ähnliche Charakteristika; fast keiner war darauf aus, sich mit sich selbst zu begnügen und ein gewöhnliches Leben zu führen. Nahezu alle dieser Persönlichkeiten fühlten sich zu Höherem berufen. „Extreme Fähigkeiten führen zu extremem Ehrgeiz.“, drückte es Jonathan Archer hundertfünfzig Jahre später aus.

Sicherlich wäre es verfehlt, das Selbstverständnis der Augments in eine direkte Kontinuität mit einer Blut-und-Boden-Ideologie wie der nationalsozialistischen zu stellen. Jemand wie Adolf Hitler gab sich in seinen mordlüsternen Schriften Träumen von einer geläuterten Rasse hin – die Augments im Gegensatz dazu waren geläutert, zumindest im physischen Sinne. Das bedeutete, das einzige Ziel, das sie sich als selbst erklärte Krönung der Schöpfung stellen konnten, bestand in der Unterwerfung von allem, was auf der Evolutionsleiter unter ihnen stand.

Im Dritten Weltkrieg versuchten sich Menschen, mancher dieser Zielsetzungen zu bemächtigen. Vorurteile gegenüber den Augments brannten sich tief ins Bewusstsein der Menschheit und der später von ihnen gegründeten Föderation ein. Denn wenn es etwas gab, das die Optimierten der Nachwelt auch Jahrhunderte nach ihrem Verschwinden aufbürdeten, so war es weniger ein bestimmtes Gedankengut als eine Denkweise. Diese Denkweise besitzt das Potential zur tief greifenden gesellschaftlichen Spaltung.

Die Föderation nun ist das beste Beispiel für eine Gesellschaft, die gelernt hat, neben der individuellen Freiheit auch das Gleichheitsprinzip hochzuhalten. Beides befindet sich in einer empfindlichen Balance, die essenziell ist für ein funktionierendes Zusammenleben ohne negative Gefühle, Neid oder krankhaften Ehrgeiz. Das mag sie unterscheiden von diversen Problemen in der Gegenwart. Deshalb bekämpft die Föderation die genetische Erweiterung – auch solche Neuordnungen, die medizinisch nicht notwendig sind.

 

Jenseits von Schwarz und Weiß

Dass sie aber trotzdem passieren, zeigt uns Deep Space Nine, die Serie der feinen Kontraste und der Zwischenweltler. Dort erfahren wir relativ spät nicht nur, dass mit Julian Bashir eine der Hauptfiguren in Wahrheit ein verkappter Augment ist, sondern es zudem trotz – oder gerade wegen – des Tabus einen blühenden Schwarzmarkt für genetische Aufrüstung gibt. Der wird aus den verschiedensten Gründen nachgefragt: sei es von verzweifelten Eltern, die nicht ansehen können, wie ihre von Geburt an beeinträchtigten Kinder zurückfallen und von Altersgenossen gehänselt werden oder von Solchen, die nicht die Meinung vertreten, dass es einen schädlichen Aspekt beinhalte, genmanipuliert zu sein.

Wie auch immer: Worauf es ankommt, ist, dass auch im späten 24. Jahrhundert die Welt nicht eine Meinung vertritt, was dieses Thema anbelangt. Und deshalb begleitet die Föderation die Auseinandersetzung mit der Genextension weiter. DS9-Episoden wie Statistische Wahrscheinlichkeiten und Sarina zeigen uns die menschlichen Produkte künstlich verbesserter Menschen – und gehen dabei ganz nüchtern mit dem Thema um. Sie führen uns Persönlichkeiten vor, in denen Kindlichkeit schlummert, Liebenswürdigkeit ebenso wie Schutzbedürftigkeit, aber auch geballte Egozentrik und Verschrobenheit, manchmal auch Impulsivität, die nicht ohne Folgen bleibt. Doktor Bashir, der selbst von Anfang an unter gewöhnlichen Menschen aufwuchs und das Geheimnis seiner eigenen genetischen Erweiterung ehern hütete, bemüht sich jedoch, Personen wie Jack, Patrick, Lauren und Sarina mit der Föderationsgesellschaft zu versöhnen, sie zu integrieren. Denn er ist sich bewusst, dass selbst in ihnen das Potential lauert, sich über andere erheben zu können, wenn man sie nicht anweist.

Am Abgrund, der dritte Band der achten Staffel von Deep Space Nine, zeigt uns nun erneut ein solches Szenario: Ethan Locken, einen brillanten Wissenschaftler und Augment. Einst ließ er sich von der ominösen Geheimorganisation Sektion 31 rekrutieren und arbeitete eine Zeitlang für sie. Nun, nach Ende des Dominion-Kriegs, hat er sich losgesagt und geht wie eine tickende Zeitbombe seinen eigenen, größenwahnsinnigen Plänen nach. Bashir wird diesem Vertreter des Khan-Typus gegenüber treten müssen, um ihm das Handwerk zu legen. Dabei wird er erkennen, dass Locken in all den Extremen aus Verwerflichkeit, Sensibilität und Kultiviertheit eine Faszination auf ihn ausübt, die der DS9-Arzt zu verdrängen gelernt hat. Bashir wird im wahrsten Wortsinn mit den wunderschönen und fürchterlichen Abgründen einer Existenz konfrontiert, der er selber angehört. Das bedeutet aber auch, dass er Locken nur stoppen kann, wenn er gegen einen Teil von sich selbst kämpft.

Ist das vielleicht der Beginn einer inneren Spaltung? Finden wir es heraus. Auf jeden Fall war Star Trek noch nie so gut darin, das schaurige Wesen der Augments herauszuarbeiten wie im DS9-Relaunch.