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Die Selbstfindung von TNG beginnt

 

Als The Next Generation anbrach, gab es nur Wenige, die der neuen Star Trek-Serie ein langes Leben prophezeiten. Nicht einmal Schauspieler wie Patrick Stewart oder Brent Spiner glaubten daran. Dann wurden am Ende sage und schreibe sieben Staffeln mit 178 Episoden daraus. Der entscheidende Grund für diese triumphale Entwicklung der Serie, die ihrerzeit einen regelrechten Science-Fiction-Kult lostrat, ist in der großen Wende zu sehen, die sie mit der dritten Staffel zu vollziehen begann und die eine enorme Weiterentwicklung für Star Trek insgesamt mit sich brachte.

In ihren ersten beiden Jahren, das ist unschwer zu erkennen, war es vor allem Gene Roddenberry, der TNG seinen Stempel aufprägte. Er war da sehr konsequent, nicht immer zur Begeisterung der unter ihm versammelten Autoren. Alles in allem präsentierte Roddenberry einen Neuaufguss des TOS-Prinzips – abgeschlossene Episoden, ein militärischer Duktus, die üblichen Alien-of-the-Week-Geschichten, Entdeckungsreisen zu fremden Welten und Völkern fernab der Heimat, häufig ohne größeren Tiefgang. TNG in dieser Frühphase konnte nur in Ausnahmefällen auf ganzer Linie überzeugen, denn es wirkte insgesamt ziellos. Man merkte der Serie an, dass sie sich selbst noch nicht gefunden hatte, sondern eher versuchte, eine andere, zwanzig Jahre alte Show zu imitieren. Staffel drei kann als Übergang in die Ära gelten, in der TNG seinen eigenen Markenkern entdeckt. Eng verbunden ist diese große Wende mit dem Aufstieg von Rick Berman als Roddenberrys Nachfolger und dem neuen Autorenchef Michael Piller. Sie reorganisierten die Serie, ließen ihr (unter Wahrung von Roddenberrys Grundprinzipien) mehr Freiheiten und hatten ein offeneres Ohr für Wünsche und Anregungen der Schauspieler. Im Laufe von Staffel drei stieß auch Ronald D. Moore als Autor hinzu. Er würde ein paar der besten Episoden von TNG schreiben (insbesondere im Hinblick auf die Klingonen).

 

Sicherlich gibt es auch im dritten Jahr noch eine Menge Episoden, die in der Manier der ersten beiden Seasons daherkommen. Unbekannte, ominöse Planeten, die irgendeine schöne oder unschöne Überraschung bereithalten, Begegnungen im Weltraum mit neuen, skurrilen Lebensformen (u.a. Die Macht der Naniten, Die Überlebenden auf Rana IV, Mutterliebe, Der Telepath). Trotzdem ist die dritte Staffel durchsetzt mit einem neuen Typus von Geschichten. Diese wenden sich davon ab, ständig neue Völker in neuen, austauschbaren Settings aus dem Hut zu zaubern, sondern beginnen damit, die großen, bekannten Spezies und die Außenpolitik der Föderation zu beleuchten (u.a. Auf schmalem Grat, Der Überläufer, Die Sünden des Vaters, Botschafter Sarek). Zudem gibt es Charakterepisoden, die gegenüber der häufigen Zweidimensionalität der Figuren in früheren Folgen eine wirkliche Vertiefung herstellen und das Thema Menschlichkeit großschreiben (u.a. Noch einmal Q, Datas Nachkomme).

Eine weitere, entscheidende Veränderung ist ein narrativer Tabubruch, der bereits in Staffel drei festzustellen ist: Der Roddenberry’sche Grundsatz, dass keine Folge auf eine andere Bezug nehmen darf, wird erkennbar aufgeweicht. Das hervorstechendste Beispiel hierfür ist die wunderbare Episode Die alte Enterprise, die eine am Ende der ersten Staffel verlorene Figur – Tasha Yar – in neuer Weise zurückbringt. Wir werden Zeuge, wie Tashas sinnloser Tod mit der Veränderung der Zeitlinie (Picard schickt sie an Bord der Enterprise-C in die Vergangenheit) aufgehoben und in einen Heldentod umgewandelt wird, was beinahe als selbstkritischer Akt der Autoren im Hinblick auf die Episode Die schwarze Seele aufzufassen ist. Aber auch eine Folge wie Botschafter Sarek wäre zu einem früheren Zeitpunkt der Serie undenkbar gewesen. Zum ersten Mal taucht mit Spocks Vater ein TOS-Charakter in TNG auf (die kurze Szene mit einem anonymisierten McCoy im Pilotfilm einmal außen vor gelassen).

 

Die Qualität der Episoden liegt insgesamt spürbar höher als in den ersten zwei Staffeln. Als sehr gelungen gelten Auf schmalem Grat und Der Überläufer, die die potenzielle Bedrohung durch die Romulaner und die Schwierigkeit, den Frieden mit ihnen aufrechtzuerhalten, fulminant vor Augen führen. Die Darstellung des Überläufers Jarok ist unheimlich glaubwürdig, konsequent und tragisch. Gleichzeitig schaffen es die Autoren, die Romulaner so mysteriös zu halten wie es nur geht. Ein weiterer Hochgenuss ist die Folge Die Sünden des Vaters, in der Worf aufgrund einer politischen Intrige im Hohen Rat der Klingonen entehrt wird. Dies wird nur der Grundstein für weitere, darauf aufbauende Abenteuer in den folgenden Staffeln sein, ebenso wie die Geschehnisse rund um Tasha Yar in Die alte Enterprise.

In der dritten Staffel wieder mit von der Partie ist Lwaxana Troi, die es diesmal tatsächlich fertigbringt, dass Picard ihr (zumindest augenscheinlich) einen Beweis für seine unsterbliche Liebe liefert (Die Damen Troi). Auch die Figur des Q erhält in Noch einmal Q eine ganz neue Erdung – sein ambivalentes Verhältnis zu Picard und der Menschheit wird wunderbar wie nie zuvor ausgearbeitet – und sorgt gleichzeitig für viele humorvolle Einlagen. Ebenfalls eine weit überdurchschnittlich gute Episode ist Der Gott der Mintakaner, in dem die Bedeutung der Obersten Direktive (Nichteinmischung in fremde, noch nicht warpfähige Kulturen) mustergültig ausgeleuchtet wird. Nicht zuletzt betritt in Der schüchterne Reginald mit Lieutenant Reginald Barclay erstmals ein wichtiger und überaus spezieller Gastcharakter die Bühne, der uns bis zum Schluss von TNG begleiten wird. Es ist erfrischend, dass wir mit Barclay auch mal einen Antitypen der ‚perfekten‘ Menschheit des 24. Jahrhunderts geboten bekommen. Seine Neigung zum virtuellen Eskapismus macht deutliche Anleihen in unserer Wirklichkeit. Unter dem Oberbefehl von Roddenberry wäre das Experimentieren mit einer solchen Figur sicher nicht möglich gewesen.

 

Bei den Hauptfiguren gibt es eine Neuerung, die von vorneherein auffällt: Jean-Luc Picard hat eine Wandlung seines Wesens vollzogen, die mit jeder Episode stärker wird. Er ist nun nicht mehr der autoritäre, zuweilen barsche Befehlshaber, sondern beginnt, jene Nachdenklichkeit und Besonnenheit zur Blüte reifen zu lassen, die den Picard-Charakter zu einem absoluten Kontrastmodell zum raubeinigeren James Kirk machen. Picard ist der Captain, der kluge, friedliche und diplomatische Lösungen sucht; der Mann, für den es immer eine positive Alternative gibt, wenn man nur bereit ist, nach ihr zu suchen. Und Bühnen für diese charakterliche Selbstfindung werden ihm nun zuhauf geboten. Dies hängt eng mit dem Umstand zusammen, dass sich TNG nun sehr viel stärker politischen Themen zuwendet als eine reine Entdeckerserie wie in den ersten zwei Staffeln zu sein. Ansonsten ist Beverly Crusher wieder zurück, nachdem das Publikum wie auch der ganze Cast mit Doktor Pulaski doch zu sehr fremdelte. Barkeeperin Guinan, obwohl oft nur in kurzen Szenen zu sehen, bereichert das Figurenensemble mehr denn je durch ihre mysteriöse, weise Aura und das besondere Vertrauensverhältnis zu Picard. Leider macht sie auch ungewollt Troi Konkurrenz, da sie mit ihrer Lebenserfahrung wie der bessere Counselor wirkt. Infolgedessen hat Marina Sirtis oft nicht mehr allzu viel zu tun. Der Problemcharakter Troi wird noch einige Staffeln brauchen, bis er seinen Platz findet.

Der Abschluss der Staffel bildet der erste Teil von In den Händen der Borg. Dieser Cliffhanger ist wohl einer der dramatischsten und bestgelungensten aller fünf Star Trek-Serien. Nicht nur werden die Borg gegenüber ihrem erstmaligen Erscheinen in Zeitsprung mit Q gekonnt zu einer wahren Anti-Föderation weiterentwickelt. Die Entführung Picards durch die kybernetischen Invasoren und ihr vernichtender Feldzug in Richtung Erde sind ein tiefer Einschnitt für die gesamte Serie. Am Ende profitiert insbesondere die Figur des Captains davon, den nicht wenige Zuschauer in den ersten Staffeln noch als zu kühl, distanziert und zu perfekt empfanden. Das Trauma seiner Assimilierung öffnet den Picard-Charakter in einer Weise, wie es auf anderem Weg vermutlich nicht möglich gewesen wäre (man möge auch daran denken, was später daraus noch in Der Erste Kontakt gemacht wurde). Auch der Subplot um Riker und Shelby war neuer Stoff und zwang den Ersten Offizier, Stellung zu beziehen. Die ohnehin bereits guten Quoten gingen zum Ende von Staffel drei endgültig durch die Decke. Nun war klar, dass TNG nicht so schnell enden würde, hatte sich die Serie doch inzwischen eine große Fanbasis geschaffen.


Gesamtbeurteilung: 7 Sterne für eine steil nach oben strebende Staffel mit mehreren tollen Highlights. Wie wir wissen, ist dies jedoch erst der Anfang des großen Aufstiegs von TNG.

Anmerkung: Die Gesamtbeurteilung ist keine bloße Addition aller Einzelbewertungen, sondern gewichtet prominente bzw. staffelbezeichnende Episoden stärker.

Einzelbewertung:

3.01

Die Macht der Naniten

3.02

Die Macht der Paragraphen

3.03

Die Überlebenden auf Rana IV

3.04

Der Gott der Mintakaner

3.05

Mutterliebe

3.06

Die Energiefalle

3.07

Auf schmalem Grat

3.08

Der Barzanhandel

3.09

Yuta, die Letzte ihres Clans

3.10

Der Überläufer

3.11

Die Verfemten

3.12

Terror auf Rutia IV

3.13

Noch einmal Q

3.14

Riker unter Verdacht

3.15

Die alte Enterprise [R]

3.16

Datas Nachkomme

3.17

Die Sünden des Vaters [K]

3.18

Versuchskaninchen

3.19

Picard macht Urlaub

3.20

Der Telepath

3.21

Der schüchterne Reginald

3.22

Der Sammler

3.23

Botschafter Sarek [S]

3.24

Die Damen Troi

3.25

Wer ist John?

3.26

In den Händen der Borg [B]

K = Klingonen/Worf-Handlungsbogen, R = Romulaner/Sela-Handlungsbogen, S = Spock/Sarek-Handlungsbogen

B = Borg-Folge

 

Legende

Outstanding Episode (Prädikat: besonders wertvoll)
gute bis sehr gute Episode
durchschnittliche Episode
schlechte Episode
hundsmiserable Episode (Fremdschämen und/oder zu Tode langweilen garantiert)

 

 

 

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