STAR TREK COMPANION
return to the edge of the final frontier

Relaunch / The Next Generation

Losing the Peace

Autor: William Leisner
Erscheinungsjahr: 2009
Seitenzahl: 360
Band: 1.7

Vorbemerkung

Nach der Destiny-Trilogie, die ein Crossover der Buchreihen TNG, DS9 und Titan darstellt, führt Losing the Peace die Second Decade der Next Generation weiter. Die Ereignisse um den Typhon-Pakt, die hier gestreift werden, sind im eigenständigen Post-Destiny-Roman A Singular Destiny entfaltet.

 

Inhalt

Wenn es in der Star Trek -Buchwelt des 24. Jahrhunderts ein Ereignis gibt, das ähnlich gravierende Auswirkungen auf den Verlauf der Geschichte hat wie jüngst der JJ-Abrams-Film für das 22. Jahrhundert, so ist dies die Destiny-Trilogie. Fürs Erste kommt niemand daran vorbei. Nicht nur wurden die Borg in einem Spektakel jenseits aller Vorstellungskraft aus dem uns bekannten Universum getilgt, auch die Föderation, Alpha- und Beta-Quadrant an sich sind nicht mehr dieselben. Zunächst einmal deshalb, weil das Ergebnis der drei Destiny-Bücher es so aussehen lässt, als wäre der Dominion-Krieg, den DS9 so effektlastig begleitete, nicht mehr als ein Peanut gewesen. Sechzig Milliarden Tote sind immerhin alles andere als ein Pappenstiel.

Vielerorts wurde die Planetenallianz von der finalen Borginvasion schwer getroffen. Bekannte Planeten wie Vulkan, Andoria oder Tellar wurden dezimiert, andere sogar unbewohnbar gemacht. Zahlreiche bekannte Charaktere mussten dabei ihr Leben lassen. Einen Vorgeschmack bekamen wir bereits in A Singular Destiny , obwohl sich dieses Buch mehr mit dem Zustandekommen des Typhon-Pakts beschäftigte: Jetzt erhebt sich die Föderation aus der Asche – und sieht sich vor Problemen, die sie bisher nur aus Geschichtsbüchern und Abhandlungen über ferne, notleidende Welten kannte.

Weil zahlreiche vitale Planeten vernichtet oder unbewohnbar gemacht wurden, gibt es riesige Wellen von Flüchtlingen, die nun verzweifelt nach einer neuen Bleibe suchen. Viele haben Hunger, Durst und sind krank. Zweifelsohne: Diese Masse besitzt Sprengpotential. Dazwischen wüten noch Piraten, Freischärler und andere Fliegenfänger und versuchen sich im neuen Zeitalter ihre lukrativen Nischen für Schwarzmarktgeschäfte zu sichern, nachdem so viele Handelsrouten der Föderation nicht mehr funktionieren.

Von alldem scheinen Jean-Luc Picard und seine Mannschaft erst einmal ein ganzes Stück entfernt zu sein. Picard bereitet sich auf seine Vaterschaft vor – eine kleine Revolution im Leben dieses Mannes – und beschließt, zusammen mit Beverly seine verwitwete Schwägerin Marie in Labarre zu besuchen. Leider währt der Familienbesuch nicht lange, denn schon bald wird Picard ins Hauptquartier der Sternenflotte zitiert. Dort erfährt er erst einmal, dass die zurückliegende Borgkrise eine Personalrochade im Oberkommando ausgelöst hat. Wegen desaströser Ergebnisse hat Flottenadmiral Jellico als Vorsteher des Unterfangens kürzlich seinen Hut genommen. Nun hat Elizabeth Shelby gute Karten, Jellico an der Spitze der Admiralität zu beerben. Dessen ungeachtet, kriegt Picard bald schon ein paar neue Missionen aufgehalst. Sie haben nichts mehr mit heroischen Taten zu tun, mit Weltenrettung und dergleichen, sondern vielmehr mit der Tatsache, dass selbst ein gewonnener Krieg keinen Sieger kennt.

Das müssen Picard und die Enterprise bald leibhaftig herausfinden, als sie sich – als eine von vielen Sternenflotten-Crews – den Horden von Flüchtlingen annehmen müssen, im Speziellen auf der verwüsteten Welt Deneva, von wo die Sicherheitschefin Jasminder Choudhury stammt. Die Obdachlosen sind gewillt, sich auf jenen Welten niederzulassen, die der Apokalypse entgehen konnten. Doch da die dortigen Bevölkerungen ihrerseits Probleme haben oder nicht gewillt sind, die hungernden Massen aufzunehmen, entbrennt ein hitziger Konflikt, in dem Picard nicht nur vermitteln, sondern sich auch fragen muss, ob der kürzliche Krieg nicht auch die grundlegenden Werte der Föderation – Toleranz, Akzeptanz, Mitleid – gleich mit getilgt hat.

 

Kritik

Editorin Margaret Clark hat sich früh festgelegt: Die Second Decade, der TNG-Relaunch, ist ein Borg-Relaunch. Und selbst, wenn die Borg mittlerweile von der galaktischen Bühne abgetreten sind, so kommt diese Serienfortsetzung gar nicht mehr umhin, sich mit ihnen zu befassen. Damit steht auch das neunte TNG-Buch nach Nemesis in der Kontinuität der kybernetischen Invasoren.

Diesmal geht es nicht bloß um Heldentaten, sondern um die schwierige Zukunft der Föderation nach dem Armageddon. Das Besondere an Losing the Peace ist, dass es keinen wirklichen Spannungsbogen aufweist. Die Handlung funktioniert ein bisschen anders als übliche Geschichten. Da es sich um die Nachwehen des größten Konflikts überhaupt handelt, sind Picard und die Enterprise zu mehreren Welten unterwegs. Es gibt viele kleine Bergungs-, Deeskalations- und Sicherungsmissionen zu erfüllen. Das wertet die Persönlichkeiten mitunter stark auf. Dieser literarische Paradigmenwechsel ist positiv, und William Leisner betreibt ihn ganz unaufgeregt.

Dennoch: Wenn man sich die Beschreibung der Flüchtlingscamps zu Gemüte führt, die Erstlingsautor William Leisner der afrikanischen Situation entliehen hat, ist schnell feststellbar: Star Trek befindet sich – vielleicht mehr denn je – auf Kollisionskurs mit der Gegenwart. Mit dieser wesentlichen Veränderung kommt möglicherweise nicht jeder Fan klar, zumal all das Verblümte, das wir noch aus der TNG-Serie kannten, ausradiert scheint.

Jetzt diktiert die klamme Logik des Elends. Dergestalt sind auch Picard und seine Leute nur noch augenscheinlich die, die sie einmal waren. Picard scheint der Jähzorn, den er kürzlich ein ums andere Mal über Konfrontationen mit den Borg ausleben musste, stecken geblieben zu sein. Fast scheint es, als wäre er in einer Schleife gefangen, weist er doch ständig darauf hin, dass die Borg nun wirklich weg seien – und glaubt es vielleicht selbst nicht recht. Darin steckt Ironie, denn es wirkt, als würde sich Margaret Clark persönlich dafür rechtfertigen, die Borg bis zum Letzten ausgeschlachtet zu haben.

Eines tut Losing the Peace also ganz gewiss: Es führt die Storyline in direkter Weise fort, ist konsequent. Sogar ein paar der neuen Charaktere, die im bisherigen Relaunch nicht gerade glänzende Auftritte hatten, werden wieder aufgegriffen und erfüllen als kurzweilige Protagonisten ihre Funktion. Beverlys separate Mission, eine humanitäre Katastrophe auf Pacifica zu verhindern, bringt uns beispielsweise den bis dato eher antipathischen Zweiten Offizier Miranda Kadohata (richtig, die Dame, die mal gegen Picard gemeutert hat) mit all ihren persönlichen Tücken näher.

Zu erwähnen sind auch die überaus gelungenen Flashbacks von Beverly; sie zeigen, dass sie selbst nach Picards Bekenntnis zu ihr (Death in Winter) und ihrem Entschluss, eine Familie zu gründen (Greater Than The Sum), weiterhin an ihren verstorbenen Mann Jack denkt. Ebenso wird das, was sich hinter den Kulissen über den Typhon-Pakt (eine gegen die Föderation gerichtete Allianz zwischen Romulanern, Breen, Gorn, Tholianern und anderen Völkern) zusammenbraut, nebenher etwas thematisiert und orientiert sich an den Vorgaben, die A Singular Destiny macht. William Leisner lässt sich also nicht übel an. Aber dass man auf Dauer keine TNG-Geschichten über Flüchtlingscamps und Verheerung macht, liegt auch auf der Hand.

Da scheint es Editorin Clark gerade ins Zeug zu passen, dass das Portfolio der TrekBooks für 2010 sich größtenteils in Rattenschwanzerzählungen zu Star Trek 11 und TOS ergießen wird, während die bisherigen, viel versprechenden Reihen (Vanguard, Titan, TNG, DS9, VOY, ENT etc.) beinahe alle zu einer Zwangspause verdonnert werden. Im Falle der Second Decade ist das vielleicht gar nicht so schlecht. Denn egal, wann der nächste Roman zum TNG-Sequel erscheinen wird: Man wird sich ernsthaft den Kopf zerbrechen müssen, wie nach dem Massenschlachten wieder ein wenig von dem genuinen Star Trek -Spirit eingefangen werden könnte.

Sonst kann man direkt zum geistigen Original übergehen, das da heißt: Battlestar Galactica.

Ich prophezeie also: Die kreative Pause für den TNG-Relaunch könnte ein Weilchen in Anspruch nehmen.

 

Fazit

Losing the Peace ist mit Sicherheit keine schlecht geschriebene Geschichte. Teilweise ist der Grad der Authentizität bei den Schilderungen der Flüchtlingscamps sogar bestechend. William Leisner macht bei seinem Erstlingswerk einen passablen Job. Als einer der wenigen TNG-Relaunch-Autoren schafft er es, etwas Interesse für die neuen Charaktere zu generieren, die bislang zumeist auf der Strecke blieben. Das eigentliche Problem liegt mehr beim Storykonzept, das den Bogen mit den Borg und einer in Trümmern liegenden Föderation vielleicht etwas überspannt hat. Höchste Zeit, wirklich zu neuen Ufern aufzubrechen. Aber ob das einem so stark veränderten Jean-Luc Picard überhaupt noch gelingen kann? Möglicherweise ist es das erste Mal, dass der alte Quark ins Leere läuft, wenn er sagt: „There more things change, the more they stay the same.“

Quo vadis, Literature Trek?

6/10 Punkten.

7-2009