STAR TREK COMPANION
return to the edge of the final frontier

Relaunch / Deep Space Nine

Avatar #1

Autor: S.D. Perry
Erscheinungsjahr: 2001
Seitenzahl: 285
Band: 8.01

Vorbemerkung

Trotz mehrerer Einzelbände, die dem nun vorgestellten Roman vorausgingen und die Zukunft von DS9 beleuchteten, fängt der eigentliche Fortsetzungsepos - man könnte auch sagen: die achte Season in Buchform (oder auch DS9-Relaunch) - mit dem Avatar-Zweiteiler an.

 

Inhalt

Drei Monate sind verstrichen seit dem Ende des Dominion-Kriegs. In dieser kurzen Zeit hat sich viel für die Raumstation Deep Space Nine – ehemals Nexus intergalaktischer Ränke und Verdichtungspunkt von Sieg und Niederlage – verändert. In dem Maße, wie die Sternenflotte sukzessive Mann und Material abberuft, um ihre Kapazitäten dem Wiederaufbau des verwüsteten Alpha-Quadranten zugute kommen zu lassen, kündigt sich auch eine neue Aufgabe für die Station an. Es mag manch einem nicht gefallen, und doch ist es die Aufgabe, der historischen Ironie Genüge zu tun: Cardassia, einer Großmacht mit gebrochenem Rückgrat, allmählich wieder auf die Beine zu verhelfen, freilich unter dem Diktat der Siegermächte stehend.

Um die Geschichte noch ein wenig mehr zu ihrem Recht kommen zu lassen, passt es nur zu gut, dass Colonel Kira Nerys nun in der Verantwortung steht, mit DS9 diesen neuen Weg zu beschreiten. Obwohl sie bereits während des Dominion-Kriegs die Gelegenheit hatte, die Station zu befehligen, hat sie den Weggang Benjamin Siskos ins Reich der ominösen Propheten, immer noch nicht gänzlich verwunden. Diese Hypothek und die Tatsache, dass sie nun selbst Teile des Kommandostabs neu besetzen musste, lassen Kira zunächst als einsame Frau an der Spitze erscheinen.

Währenddessen sind die neuen Gesichter auf DS9 noch damit beschäftigt, sich einzuleben. Die einstige Maquisadin Ro Laren, der Kira mit dem Posten des neuen Sicherheitschefs eine Möglichkeit anbot, sich für Bajor zu rehabilitieren, hat eigentlich noch die geringsten Probleme damit. Weit schwieriger hat es da schon der andorianische Wissenschaftsoffizier Tirishar ch'Thane, der als frisch gebackener Fähnrich von der Akademie noch mit den chaotischen Zuständen auf der Station fremdelt, zumal DS9 einen größeren Umbau durchmacht.

Und die alten, verbliebenen Charaktere? Natürlich treten auch sie nicht auf der Stelle. Die hoch schwangere Kassidy Sisko-Yates versucht, sich mit einigen Frachtflügen abzulenken und kann doch nicht gänzlich ignorieren, dass ihr Leben nun in anderen Bahnen verläuft. Jake Sisko, der noch weit mehr unter dem Verlust seines Vaters leidet als Kira, hat sich einem bajoranischen Ausgrabungsteam angeschlossen, das die uralte Stadt B'hala freilegt und untersucht. Seit geraumer Zeit plagt ihn ein seltsamer Traum von seinem Vater. In B'hala stößt Jake schließlich auf eine alte Prophezeiung. Sie besagt, zu gegebener Zeit müsse der Sohn der Abgesandten in den Himmlischen Tempel gehen und den Abgesandten dort abholen, um die Niederkunft eines fremdartigen Kindes zu erwarten.

Eine erste Erschütterung erfährt die derzeitige Lage, als Kira wegen eines Mords auf dem Promenadendeck von Ro kontaktet wird. Das Opfer ist eine Frau namens Istani Reyla, die Kira aus ihrer Kindheit aus einem Gefangenenlager kennt. Das ist aber noch gar nichts: Wenig später öffnet sich unerwartet das Wurmloch, und heraus kommen drei Jem'Hadar-Raider, die auf DS9 zuhalten und ohne Vorwarnung das Feuer eröffnen. Weil sie auf keinerlei Rufe antworten, sieht sich Kira gezwungen, roten Alarm auszurufen und Gegenmaßnahmen einzuleiten. Doch weder die Station noch die Defiant – sie wird derweil überholt und zum Forschungsschiff umgerüstet – sind einsatzbereit.

Es gelingt den Jem'Hadar, einen ganzen Kreuzer der Nebula -Klasse zu pulverisieren, der an der Station angedockt hat, bevor die Defiant eingesetzt werden kann. Zu den Opfern auf der Station zählt auch Kiras neuer Erster Offizier Tiris Jast. Auf der Defiant muss Ezri Dax unverhofft das Kommando übernehmen, und nur mit viel Mühe und Not beginnen sie und Chefingenieur Nog mit Verteidigungsmaßnahmen. Es sind jedoch nicht nur sie, die letztlich die drei Aggressorschiffe in die Flucht schlagen, sondern ein vierter Dominion-Jäger. Wenig später taucht ein Jem'Hadar auf der Station auf und behauptet, ein Bote Odos zu sein. Weiter eröffnet er, der zurückliegende Angriff sei das Werk einer Splittergruppe gewesen, und er habe das vierte Schiff befehligt, das die abtrünnigen Jem'Hadar bekämpfte.

Freilich stellt das die Sternenflotte nur wenig zufrieden. Nach dem Übergriff, der eine klare Verletzung des Kapitulationsvertrags darstellt, welchen das Dominion unterzeichnete, gedenkt Admiral Ross im Zusammengehen mit Klingonen und Romulanern eine Taskforce zusammenzustellen und im Gamma-Quadranten bei den Gründern an die Tür zu klopfen. Man will Präsenz zeigen, gleichzeitig verbleibt vieles schleierhaft: Vorausgesetzt, das Dominion will einen neuen Krieg vom Zaun brechen – warum schickt es dann lediglich drei Schiffe? Hinzu kommt die Rolle jenes vierten Schiffes und des kommandierenden Jem'Hadar. Der Abflug der Taskforce ist nicht unumstritten, trotzdem wird er abgesegnet.

Indes macht Ro bei der Aufklärung des Mordes an Reyla Fortschritte. Indizien führen sie zu einem uralten bajoranischen Schriftwerk, das die Ermordete offenbar aus B'hala stahl. Darin ist prophetisch die Rede von dem zweiten Kind des Abgesandten, das geboren wird – und dafür zehntausend Bajoraner sterben müssen.

Im selben Zeitraum, wo sich auf DS9 die Ereignisse überschlagen, hält sich die U.S.S. Enterprise-E in den Badlands auf und birgt dort aus dem Wrack eines cardassianischen Frachters einen neuen, ungekannten Drehkörper, eine so genannte Träne der Propheten. Der hundertjährige Commander Elias Vaughn, der sich an Bord befindet und die Bergungsoperation durchführt, erhält eine verstörende Vision von Benjamin Sisko. Zusammen mit Jean-Luc Picard trifft er den Beschluss, sich umgehend nach DS9 aufzumachen…

 

Kritik

Die achte Season des DS9-Relaunch zählt heute bereits als Klassiker. Gleichzeitig ist sie eine Wasserscheide für eine neue Generation von Star Trek -Romanen, die sich über die Vorgaben der Serien erheben und in bis dahin unerlebter Autonomie die Geschichten weiter erzählen. Streng genommen nimmt dieser Trend bei Avatar seinen Ausgang.

Es verwundert daher nicht, dass Autorin Perry ihren Job gut macht und eine überaus spannende Vorlage für die zweite große Formation der DS9-Epik liefert. Gekonnt und ohne größere Umschweife schafft sie es, drei Elemente in den Vordergrund des Buches zu rücken: die Handlung um die Prophezeiung über den Sohn des Abgesandten, die Einführung der neuen Charaktere und die Fortführung der Geschichte der bekannten Protagonisten. Sie werden dabei so gut miteinander verwoben, dass die einzelnen Bögen abwechslungsreich daherkommen und die relativ geringe Seitenzahl des Romans kaum auffällt.

Auf der anderen Seite werden die gewohnten Elemente aus DS9 – die Bajor-/Propheten- und die Dominon-Thematik – gleichermaßen berücksichtigt und weiter entwickelt. Manch ein Kritiker des TV-Endes von DS9 hat bemängelt, die Serie lasse zu viele Fragen offen. Avatar zeigt, dass eine Fortsetzung insbesondere aus dieser Unvollendetheit Kapital zu schlagen vermag. Das ist aber nicht einmal der Punkt, der hervorsticht. Vielmehr ist es die Atmosphäre, die Perry im Zusammengehen mit stichhaltigem Hintergrundwissen zur Serie stiftet. Denn obgleich der große Krieg vorbei ist, scheint das literarische DS9 noch ein wenig undurchschaubarer, mysteriöser, düsterer zu werden als die TV-Story. Man denke dazu nur einmal an Kiras Traum, den Besuch auf dem alten cardassianischen Frachter oder das Rätsel, auf dessen Fährte sich die neue DS9-Sicherheitschefin infolge des Todes von Istani Reyla begibt.

Zu diesem neuen Flair tragen selbstverständlich die Charaktere ihren Anteil bei. So kündigt sich bereits im ersten Relaunch-Roman an, dass die Stationskommandantin Kira nicht nur einen anderen Führungsstil als ihr Vorgänger Sisko an den Tag legen muss, sondern auch tief greifende persönliche Veränderungen mitmachen wird, die sie erden. Ezri, die uns in der siebten Staffel als schüchterne, unausgegorene Figur erschien, macht durch einschneidende Erlebnisse einen Selbstfindungsprozess durch, der auch Konsequenzen für ihre Liebesbeziehung mit Julian Bashir haben wird.

Und vergessen wird nicht Ro, die sich – gerade in ihrem befruchtenden Wechselspiel mit der alten Seele Quark – zum echten Geheimtipp des DS9-Relaunch mausert. Überhaupt ist Ros Auftauchen eine Hommage der ganz besonderen Art, da Michelle Forbes ursprünglich für die Rolle der Kira angedacht war. Perrys Beschreibungen lässt sich schön entnehmen, warum sich beide Frauen anfangs nicht sehr grün sind: Viel zu sehr erinnert Ro Kira an ihre eigenen Anfänge als Offizier auf DS9. Auf Elias Vaughn möchte ich erst in der Rezension des zweiten Avatar-Teils eingehen, doch bei seiner Inszenierung lässt sich schon absehen, dass er für die Geschichte eine längerfristige Rolle spielen wird. Vaughn scheint dabei den neuen Zeitgeist im DS9-Universum in mustergültiger Weise zu verkörpern: ein kriegsmüder Veteran, der davon träumt, Forscher zu werden.

Trotz dieses Rundum-glücklich-Zeugnisses seien zwei Kritikpunkte angefügt. Zum einen weckt das Cover mit den Köpfen von Kira und Picard die Erwartungshaltung auf ein richtiges Crossover zwischen DS9 und TNG. Tatsächlich ist das nicht der Fall. Abgesehen von einigen Dialogen zwischen Picard und Vaughn spielt die Enterprise keine bedeutende Rolle in Avatar. Dass hingegen eine Trek-Legende wie Picard (wieder) auftaucht, lässt den Leser erahnen, dass eine neue Ära DS9 vor der Tür steht und - wie es die Cameo-Tradition will - gebührend eingeweiht wird.

Problematischer als designtechnische Aspekte ist, dass der Roman auf seinem Spannungshöhepunkt in einem Cliffhanger endet und den Leser zwingt, sich auch Teil zwei zuzulegen. In rückwärtiger Sicht wurde diese Produktpolitik von Editor Palimieri bereits bedauert, er hob aber auch den Mehrwert zweier schöner Collagen hervor. So oder so: Um Avatar 1 vollständig beurteilen zu können, müsste man auch Kennntnis vom zweiten Buch haben. Die ausgezeichnete Gestaltung dieses ersten Bandes sollte jedoch milde stimmen.

 

Fazit

Der Kenner und Liebhaber der Serie wird sich schnell wie ein Fisch im Wasser fühlen. Avatar 1 holt den Leser genau dort ab, wo TV-DS9 aufgehört hat; in kleinen Häppchen und ohne zu überfordern. Auf der anderen Seite weiß man plötzlich die Vorzüge der literarischen Plattform zu schätzen, vermag sie doch nicht bloß für Abwechslung zu sorgen, sondern kann den Helden auch deutlich tiefer in die Seele leuchten und die atmosphärische Seite verfeinern. Perrys Stil ist kraftvoll, flüssig und macht Hunger auf mehr. Ein wenig ärgerlich nur, dass Avatar nicht gleich in einem Band veröffentlicht wurde.

8/10 Punkten.

1-2009